216 Die lyrische Dichtung
— sein Name ist unbekannt —, war kein Schüler mehr, aber doch nochein jüngerer Mann und ohne feste Stellung, als er umhergetrieben durchselbstverschuldete Not sich seinen rheinischen Landsmann, den allmächtigenKanzler Barbarossas, den Erzbischof von Köln, Reinald v. Dassel, zum Gön-ner erkor (die etwa zehn Gedichte erstrecken sich auf die Jahre 1160-65). Inseiner „Beichte", der berühmten Confessio, einem seltsam ironischen Le-bensbekenntnis, in dem er rückhaltlos seine Vergnügungen ausbreitet und umeine gelinde Absolution bittet, steht auch der Hymnus auf den Wein mit dentrinkseligen Versen: Meum est propositum in taberna mori .. . tunc canta-bunt letius angelorum chori: ,,sit deus propitius huic potatori". In der Beichtedes Archipoeta ist der Stoff der Vagantenlyrik gleichsam systematisch zu-sammengefaßt.
Die Sammlung von St. Omer, die die gleichen Themata vereinigt wie die derCarmina Burana, enthält auch die Lieder des Walther von Chätillon, 1 indenen dieser mittelalterliche, klassisch gebildete Humanist seine echt vagan-tischen, weltfrohen, natursinnlichen Liebeslieder mythologisch stilisiert.
Schließlich seien noch zwei charakteristische mittellateinische Denkmäler imVagantensinn hier angeführt: Rota Veneris des Magister Boncompagno, einLiebesbriefsteller des 13. Jahrhunderts; und die Apokalypse des Golias. 2
Die deutschen Strophen der Carmina Burana. 3 Einen besonderenWert für die mittelhochdeutsche Lyrik erhält die Hs. der Carmina Bu-rana dadurch, daß bei den Liebesliedern sehr oft hinter das lateinische Ge-dicht eine, seltener mehrere, deutsche Strophen angeschlossen sind. Diese49 deutschen Strophen bzw. Lieder stehen meistens, in näherer oder fernererBeziehung zu dem vorhergehenden lateinischen Gedicht, dem sie meist in derForm, seltener auch im Inhalt entsprechen. Die deutschen Strophen sind alsBeispiele für Metrik und Musik den lateinischen beigegeben. Schwer zu be-stimmen ist die Verfasserschaft der deutschen Lieder. Einige Male hat derZusammensteller deutsche Originallieder als formale Muster zu den lateini-
Neophil. 10 H. 4; Hanford aaO., dazu 395 f.; Hennig Brinkmann, Geschichte der
Strecker, DLz. 1927, 262, Schumann, Anz. lateinischen Liebesdichtung im MA., 1925,
46, 99 f.; Wilh. Stapel, D. Archipoeten er- S. 36 ff.; Strecker, Ein Gedicht W.s v. Ch.?
haltene Gedichte, Text mit Übersetzung 1927, Accademia degli Arcadi 1930.
dazu Bömer, DLz. 1929, 418, s. Halbach, 2 Rota Veneris, hgb. von Friedr. Baethgen,
ZfdtBildung 1929, 430; M. Buchner, Rainald 1927, dazu Schumann, Anz. 49, 111 ff. — K.
v. Dassel u. der Archipoet in ihrer Beziehung Strecker, Die Apokal.d.Gol., hgb. 1928, dazu
z. KanonisationKarlsd. Gr.,ZfrzSpr. 51, 1928, Schumann aaO.; Fedor Schneider, Texte z.
1-72; Schumann, Stammlers Verfasserlex. 1, Kulturgesch. d. MA.s, 1925, dazu Rheinfel-
1931, 107-19; Singer, D. relig. Lyrik d. MA.s, der, Lbl. 1928, 1^. — Brinkmann, Die Me-
1933, 65-67. tamorphosis Goliae, ZfdA. 62, 27-36; Stre-
1 Strecker, Die Gedichte Walthers v. Chä- cker, ebda 63, 111-15.
tillonl, 1925; Ders., Walth. v. Chat., der Dich- 3 Lit. bei Lundius, ZfdPh. 39, 330 ff. (zu
ter der Lieder von St. Omer, ZfdA. 61, 197- S. 331 Anm. 6 s. Burdach, Anz. 9, 357 u.
222; Ders., W. v. Ch. u. seine Schule, ebda 64, Reinm. 2 S. 316); Schumann, GRM. 14, 1926,
97-125; Ders., Moralisch-satirische Gedichte 418 ff.; Naumann, Reallex. 2, 167. — Fr.
W.s v. Gh., hgb. 1929, dazu H. Walther, Anz. Lüers, Die dt. Lieder der Carm. Bur., hgb.
49, 121-26; Otto Schumann, Lbl. 1932, 92 1922.-98; Strecker, Merker-Stammler Reallex. 2,