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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Vagantendichtung 215

So geht in der Sammlung der Carmina Burana Heiliges und Unheiliges,Moral und Vergnügen nebeneinander. Die Vaganten freilich sind in der Eman-zipation des Fleisches bis an die Grenze des Allzumenschlichen gegangen, sobesonders in den Pastourellen. Als Motto für die eigentliche Vagantenlyrikkönnte man den Kehrreim voranstellen: O vireat, o floreat, o gaudeat iuven-tus (Nr. 81). Um Wein, Weib, Würfelspiel dreht sich ihr Behagen. Das Rätselder Liebe ist ihr Hauptstudium, der Venus huldigen sie, der Minerva kehrensie den Rücken (Nr. 31 Str. 3; Nr. 48 Str. 1 V. 1). Eines der anmutigstenKunstwerke mittellateinischer Liebeslyrik ist das Streitgedicht de Phyllideet Flora (Nr. 65); hier ist in ein köstliches Rankenwerk der Streit gekleidet,ob ein Ritter oder ein Kleriker sich besser zum Geliebten eigne. 1

Eigentlich gebührt die BezeichnungVagantendichtung" nur der welt-lichen Genußlyrik. Nicht einmal alle Liebeslieder brauchen von jugendlichenVerfassern herzurühren, und andererseits trieben sich auch bemooste Häupter,Magister, ja selbst ältere Geistliche auf der Walze herum. 2 Die ernsten Lehrenund großenteils die polemischen Stücke setzen reifere Männer voraus, dieunter Magistern, Mönchen, seßhaften Geistlichen zu suchen sind, und kön-nen nicht Vagantenwerk genannt werden. Diese Kritik und Parodie, die sichgegen geistliche Personen und gegen sittenlose Zustände innerhalb des Kleruswendete und nicht gegen Einrichtungen der Kirche oder gegen das Dogma,war weit entfernt von Blasphemie.

Mit dem Nachlassen des Vagantentums im 13. Jahrhundert fand das Stu-dentenlied als selbständige literarische Gattung mit besonderem Inhalt undStil keine durch das Leben getragene Pflege mehr. Literaturgeschichtlich ginges in das deutscheVolkslied" des 14., 15. Jahrhunderts und in das Gesell-schaftslied des 16., 17. Jahrhunderts auf. Zu einer neuen Blüte erstand es erstin unserem Kommersbuch. DasGaudeamus igitur" geht auf ein lateinischesKirchenlied des 13. Jahrhunderts zurück.

Zwei namhafte Persönlichkeiten ragen aus der namenlosen Menge dieserweltlichen Lyriker hervor. Nirgends ist der Optimismus des Lebens.rück-haltsloser ausgesprochen als in den Gedichten des Archipoeta. 3 Der Erzpoet

1 Phyllis u. Flora: E. Faral, Recherches sur 3 Ausg.: J. Grimm, Ged. d. MA.s auf Königles sources lat. des contes et romans courtois Friedrich I., 1844, u. Kl. Sehr. 3, 1-102,du moyen äge, 1913, 191-303 u. Romania 41, Nachtr.: Wackernagel, ZfdA. 5, 293-99;474 ff.; Bömer, ZfdA. 56, 217-39; Brink- Max Manitius, Münchn. Texte H. 6, 1913.mann, ebda 62,27-36; Strecker, ebda S. 180; Übersetzung: Bernh. Schmeidler, 1911.Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 1-12. 92 ff. Abhandl.: P. v. Winterfeld, Dt. Dichter des Siehe LG. II, 2, 152 f. (daselbst auch das lat. MA.s S. 120 ff.; Jaffe S. 26-37; Schmeid-Liebeskonzil) und LG. II, 3 unt. Heinzelein. ler, Hist.Vjschr. 14,1911,367 ff.; W. Meyer,In diesem Ged. eine ganz ähnliche Schilde- GgN. 1914, 1 ff.; Lehmann, Parodie S. 1 39ff.rung eines Pferdes wie Enitens Pferd in Hart- 174; Frantzen, Neophil. 5,170-81; Strecker,manns Erec (LG. II, 2, 166 Anm. 2). Zu dem ZfdA. 58, 158-60, dazu Brinkmann, Anz. 44,Wundergarten der Minne vgl. das Liebespara- 148 f.; Strecker, Festg. Degering 1926, 244dies beim Kaplan Andreas, Trojel S. 99 ff. Da- -52 (dazu Lehmann, DLz. 1927, 2588 f.);gegen der prosaisch materielle Tempel der Venus Strecker, Reallex. 2, 394 u. Lit. S. 395;in Carm. Bur. Nr. 49. Brinkmann, GRM. 13, 102-19; Ders., Lbl.

2 Ihre Geschichte s. bes. bei Lehmann, Par- 1924, 195 f.; Panzer, Italische Normannen inodie aaO. . d. dt. Heldensage, 1925, 73 ff.; Herkenrath,