214 Die lyrische Dichtung
An Stelle der Gebundenheit in den Kloster- und Domschulen trat die studen-tische Freizügigkeit. Es bildete sich eine eigene Klasse, die umherziehendenStudenten, die fahrenden Schüler und Kleriker, die clerici vagi, vagi scolares,die Vaganten. Die solideren führten ihr Wanderleben nur auf der Reise zuder von ihnen gewählten Universität, aber viele fanden Gefallen an demBummeln und bildeten es zu einem kürzer oder länger dauernden Beruf aus,der ihnen ihren Lebensunterhalt verschaffte, indem sie in Pfarrhäusern, Ab-teien, geistlichen Höfen herumschmarozten, wo sie ihre poetischen und son-stigen Unterhaltungskünste zum besten gaben. Aus der Schule bezogen diesewandernden Scholaren ihre klassischen Kenntnisse und ihre Stil- und Vers-kunst. Die Antike, die sie in der Schule kennen lernten, lieferte ihnen diemythologische Stilisierung. Ovid ist ihr Lehrmeister in der Liebeskunst, Vir-gil und Horaz trugen zu dem klassischen Kolorit bei. — Die Stimmung diesesVölkchens ist Lebenslust, Weltfreude. Da sie mit der Zeit zu einer Landplageund einem öffentlichen Skandal sich auswuchsen, wurde von geistlichen undweltlichen Behörden gegen sie eingeschritten (Konzilbeschlüsse und Land-frieden seit etwa Mitte des 13. Jahrhunderts).
Die bedeutendste Sammlung von Vagantenliedern ist die Hs. aus demKloster Benediktbeuern in Oberbayern, nach diesem Carmina Burana ge-nannt, in Bayern in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nach 1230, 1 vonmehreren Schreibern geschrieben. Als Vorlage wurden kleinere Sammlungenbenutzt. Beigegeben sind 8 farbige Handzeichnungen. Die Sammlung bestehtaus etwa 250 lat. Gedichten. Unter den Liebesliedern sind 55 deutsche Stücke.Verfasser werden nicht genannt, sie gehören Deutschland, Frankreich, Eng-land an. Den bunten Inhalt, der in der Hs. im ganzen nach Stoffkreisen ge-ordnet ist, kann man mit Schmeller auf poetische Gattungen verteilen:A Weltliche Lyrik, Liebes-, Trink- und Spiellieder (Würfelspiele), amatoria,potatoria, lusoria; B Epik: antike Episoden; C Didaktik (Seria, ernste Gegen-stände), allgemeine moralische und religiöse Belehrungen über Tugenden undLaster, über den Stand der Welt, über Fortuna, politische und Kreuzzuglieder,endlich auch Beschwörungsformeln, besonders aber Satire und Parodie, ge-richtet gegen Priester und Prälaten, Rom und den Papst, gegen die Habsucht,Simonie und Fleischeslust der Geistlichen. D Dramen: ein Weihnachtsspielund ein Passionsspiel; damit ist die BenediktbeuererHs. zugleich eine Haupt-quelle für den Ursprung des mittelalterlichen geistlichen Schauspiels.
lungennot, 1855, 20; Frantzen, Neophil. 5, 1907,75 ff.; P. Lehmann, Die Parodie im MA.,
60 ff.; Brinkmann, ebda 9, 211 ff.— Die Be- 1922, Reg. unt. Vaganten, Goliarden ff. u.
Zeichnung Goliarden gilt nicht ohne weiteres GRM. 12 H. 3/4; Leo Jordan, GRM. 13, 312
für die Vaganten, Goliardus erscheint erst seit -14; Meyer-Lübke, ebda 14,76; Brinkmann,
Anfang des 13. Jh.s. Es stammt von dem Neophil. 9, 208 ff. u. GRM. 12, 120-23. 13,
franz.gole,goule = lat. gula Schlemmerei. An- 102 ff.; Ders., Die Metamorphosis Goliae u.
derer sprachlicher Herkunft ist Golias als Va- das Streitgedicht Phyllis u. Flora, ZfdA. 62,
gantenname = Goliath, dieser galt als der 27-36, s. dazu Strecker, ebda S. 180.
Teufel selbst, pueri Goliae, Söhne des Teufels, * Schumann, GRM. 14, 1926, 427, setzt die
familia Goliae. Vgl. W. Meyer, Gott. Nachr. Hs. gegen 1300.