Die Überlieferung 207
liehe Zustände zugrunde liegen können oder ob er nur als rhetorisch stilisierteDichtung aufzufassen ist, gleichsam als Stilmuster. 1 Ein Prunkstück einesLiebesschreibens ist Gutenburgs Minneleich MF. 69, 1 (vgl. ZfdPh. 33, 397).Liebesbriefe, meist mit dem offiziellen, formelhaften Eingang des Dienst- oderMinnegrußentbietens sind schon im Rother 1947 ff. und im Straßburger Ale-xander 6525 ff. eingeschaltet (Henrici, Z. Gesch. der mhd. Lyrik, S. 68 f.),dann in einigen mhd. höfischen Romanen: Eneide, Parzival, Wigalois, Me-leranz, Herzog Ernst D, Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich(ed. Regel V. 1910-2136) und in dem Briefroman Der werden Minne lere 2(s. unten Heinzelein von Konstanz). Zur feinen höfischen Bildung gehörtbrieve und schanzüne tihten, Gotfr. Tistan 8143 ff. (Ritter S. 90 f.).
Die ersten für sich selbst bestehenden Liebesbriefe gehören noch dem Endedes 13. Jahrhunderts an (E. Meyer S. 59-66. 70), mit dem 14. Jahrhundert,besonders seit der Mitte desselben, nimmt der Liebesbrief mehr volkstümlicheZüge an und wird zu einer beliebten poetischen Gattung. Es entstanden diedeutschen Liebesbriefsteller, Sammlungen von Musterbeispielen nach der Artder ars dietandi. — Unter Büchlein verstand man einen umfänglicheren,aus mehreren Pergamentblättern zusammengehefteten Brief minniglichenInhalts. 3
In der Minne-Allegorie ist die Minne personifiziert und in eine epischeSituation gebracht. Diese Gedichte sind also dem Inhalt nach mit der Minne-lyrik verwandt, gehören aber als literarische Gattung zur Epik oder zur Di-daktik (s. unten „Minneallegorie").
Die Überlieferung
i. Liederbücher
Über die ersten Grundlagen unserer späteren Minnesängerhandschriften sindwir nicht genügend unterrichtet. Wahrscheinlich hat der Dichter selbst einLied jeweils nach der Abfassung aufschreiben lassen und sich eine Sammlungangelegt, die auch weiterhin abschriftlich vervielfältigt wurde, je nach derBeliebtheit der Dichtungen (Liederbuch). Auch mochten zunächst nur ein-zelne Pergamentblätter mit einem oder nur wenigen Liedern desselben Ver-fassers als „fliegende Blätter" in Umlauf gegangen sein, die dann zuLiederbüchern gesammelt wurden. Die Lieder, die uns unter einem Minne-sängernamen überliefert sind, stellen wohl selten ein vom Dichter selbst ver-anstaltetes Liederbuch dar, sondern meist hat ein Sammler, Liebhaber oderSpielmann, die betreffende Liedergruppe zusammengetragen, manchmal nachsachlichen und sprachlichen Grundsätzen.
1 Ausg.: Vogt, MF. 3 S. 260-63. — Brink- 2 Ernst Meyer, pass.; Ritter S. 90 f.;
mann, Entstehungsgesch. S. 92-103; Ganzy- Ehrismann, ZfdtWortforschg Bd. 1, 1903/4,
niec, ZfdA. 63, 23 f.; Singer, GRM. 13, 1925, 134. 148. 201 f. u. ö.
191 ff.; Bernh. Schmeidler, Üb. d. Tegern- 3 Hartmanns Büchlein u. das zweite Büch-seer Briefsammlung, N. Arch. f. alt. dt. Gesch. lein s. LG. II, 2,155 ff. Ulrichs v. Lichtenstein46, 1926, H. 3. — Übersetzt: Gust. Freytag, drei Büchlein s. unten unter Ulr. v. L.Bilder aus d. dt. Vergangenh. I 11 , 1878,528-34.