Gattungen 205
Christentums in Volksvergnügungen fortlebten. Das älteste uns überliefertebäurische, gesellschaftliche Volkstanzliedchen ist das der Tänzer von Kölbigkvom Jahre 1021, x dessen Mirakel auf romanischen Ursprung weist. Es handeltsich hier um wenige Verse epischen Inhalts mit Kehrreim, um „getanzte Klein-lyrik". Die älteste Schilderung eines tanzenden Paares der vornehmen Gesell-schaft gibt der Ruodlieb (Seiler IX, 46 ff.); es ist ein mimischer Tanz, einVorgänger des Schuhplattlers (Schröder, ZfdA. 61, 29 f), mit scharf taktie-render Harfenbegleitung.
Das romanische Wort mhd. tanz, tanzen (frz. danser) erscheint am Endedes 11. Jahrhunderts in deutschen Glossen, als höfische Unterhaltung inder Literatur seit dem 12. Jahrhundert. Der reie war, wie schon die deutscheBenennung nahe legt, ein volkstümlicher Brauch, ein Bauerntanz. Der Tanz,in einzelnen Paaren oder kleinen Gruppen, gemessen in zierlichen Bewegun-gen, wurde getreten (geschritten; Beschreibung im Meier Helmbrecht 94 ff.939 ff.); der Reie wurde von einer größeren Schar, in einer Kette oder paar-weise hintereinander, ausgelassener und plumper, gesprungen. 2 Doch wurdendie beiden Moden in der Bezeichnung nicht streng auseinandergehalten unddie Tänze wurden bald auch ein Bauernvergnügen.
Es gab in Deutschland, wie in Frankreich, im 12. Jahrhundert volkstüm-liche Tanzlieder, primitive Gemeinschaftslieder, 3 die zum Tanze ge-sungen wurden oder zum Tanze aufforderten. Deutsche Reste davon sindkümmerlich: das Mädchenreigenlied Carm. Bur. Nr. 129 a Swaz hie gät umbeusw. (wohl erst vom Anfang des 13. Jahrhunderts). Beizuziehen wären volks-tümliche Formeln in deutschen Liedern der Carm. Bur., bei Neidhart, Winter-stetten.
Deutsche volkstümliche Sommertanzliedchen mit normalem Schema be-sitzen wir nicht mehr. Es waren wohl Vierzeiler, die wie Ringelreihenliedchenimmer wiederholt wurden, und es wurde in ihnen zum Empfang des Sommersoder des Maien 4 (Naturmotiv) und zu Tanz und Freude aufgefordert, oderauch waren es kurze Erzählungen (episch) wie bei dem Tanz von Kölbigk.
Dichter d. lat. MA.s (S. 391 Ruodlieb); Carm. Schweiz. Id. 6, 1-9. 795-97.
Bur. ed Hilka u. Schumann, 1930, Einl. u. 3 Primitives Tanzlied: Naumann, Grund-
Spanke, Lbl. 1931, 112 ff.; Ders., Neuphilol. züge d. dt. Volkskunde S. 127. 131. — R. M.
Mitteil. 31, 1930, 143 ff. u. 33, 1932, 1-22. — Meyer, ZfdA. 29, 177-92; Schwietering,
LG. I, 28 ff. u. s. unten Neidhart, Lichten- Singen u. Sagen S. 18 u. ZfdA. 61, 71; Brink-
stein. mann, Lat. Liebesdichtung S. 62-73 u. Ent-
1 Siehe LG. I, 239 ff., zur dort angeführten stehungsgesch. S. 65. 91. 167. — Vgl. RennerLit. hier eingehender: Kögel, LG. 1, 10. 2, V. 381 sin stimme ziert vil wol den tanz.
650 ff.; Gaston Paris, Journ. des Savants 4 Maitanz, Maifeier (Maibuhle, Mailehen [das
1899; Frantzen, Neophil. 4, 1919, 369 f. u. Tanzpaar, das für den Sommer zusammen-
Medeel. d. Kon. Ak. Afd. Lett. Deel 53 Ser. A, gehört]): Uhland 3, 30 ff. u. Anm. 3, 389 ff.;
1922,18 ff.; Schröder, ZfdA. 61, 29 f.; Heus- Hildebrand, Materialien zur Gesch. d. dt.
ler, GRM. 10 aaO. u. Versgesch. 2, 257. 273 f. Volkslieds 1, 1900, S. 4 f.; El. H. Meyer, Dt.
322; Brinkmann, Neophilol. 9, 1923, 54; Volksk. S. 161; Bielschowsky, Gesch. d. dt.
Naumann, Bayer. Heimatsschutz 23, 1927, Dorfpoesie pass.; Wechssler, Reg. S. 493
135 f. „Maitanzlieder". — Wittenweilers Ring:
2 Liliencron, ZfdA. 6, 79 ff.; Schröder, Bauerntanz S. 165,6 ff.; Mailehen S. 169,18ff.ZfdA. 61 aaO. Reie, Reigen, DWb. 8, 642 ff.,