204 Die lyrische Dichtung
mutige und sieghafte, über alle Feinde und über den Teufel selbst triumphie-rende Glaubensstärke liegt nicht im Temperament der Minnesangskunst.
Klageliet 1 sind Klagelieder auf den Tod verstorbener Fürsten und an-gesehener Männer. Totenklagen wurzeln in primitiven Volksgebräuchen.Als literarische Gattung in Form von Gedichten kennt sie das klassischeAltertum, und ununterbrochen vererbte sich das Klagelied auf die latei-nische Literatur des Mittelalters. Die Strophen des Spervogel Anonymus(MF. 25, 27 ff.) beruhen gewiß auf alter Spielmannstradition. Durch das Vor-gehen der Trubadur mochten bei den Minnesängern Totenklagelieder höfischeGeltung als literarische Gattung (Klageliet = prov. planh, planctus) erlangthaben, unmittelbar romanischer Einfluß auf die deutschen Stücke ist nichtnachzuweisen. Die Anzahl ist auch beschränkt und ein fester Typus hat sichnicht ausgebildet, doch kann man auch in den deutschen Stücken meist alsHauptmotive Klage und Preis unterscheiden, worauf dann eine kurze Fürbitteden Abschluß bildet. Ergreifend ist Reinmars Witwenklage, die Hartmannnachgeahmt hat (LG. II, 2, 148-50; Witwenklage schon im Beowulf, LG. I,38). Walthers Klagestrophen auf Reinmar (82, 24. 37) beziehen sich haupt-sächlich auf den Verlust seiner Kunst. Ihm folgten darin Ulrich von Singen-berg, später Frauenlob (Bartsch, Liederdichter 4 S. XXII f.). An diese un-mittelbar dem dahingeschiedenen Kunstgenossen gewidmeten Totenklagenschließen sich dann die Sprüche späterer Dichter an, die als Nachrufe dieVerdienste früherer berühmter Meister preisen und in deren Aufzählung gleich-sam einen literarhistorischen Rückblick auf die hohe Kunst der Vergangen-heit bieten.
Tanzliet, tanzwise, reie. 2 Es ist anzunehmen, daß es in Deutschlandschon in vorliterarischer Zeit primitive Chorgesänge gegeben hat, ursprüng-lich kultische Tanzgesänge, deren heidnische Spuren auch nach Einführung des
1 Schönbach, D. Christentum in d. ad. Hei- Böhme, Gesch. d. Tanzes; Weinhold, D. dt.dendichtung, 1897, S. 106 f.; Heusler, D. alt- Frauen l 2 ,159 f.; Alwin Schultz, Höf. Lebengerman. Dichtung, in Handbuch d. Literatur- 1, 544 ff.; Elard Hugo Meyer, Dt. Volkskdewissensch. hgb. v. 0. Walzel 1924; Rich. S. 158-63. 315; Böckel, Volkslieder S. CVIff.Leicher, D. Totenklage in d. dt. Epik von d. — MSD. II 3 , 155; Scherer, Anz. 1, 202 f.;ältesten Zeiten bis zur Nib.-Klage, 1927 (für Schönbach, ZfdA. 20, 153 f.; R.M.Meyer,d. lyrische Totenklage bes. S. 62 f.); Gust. ebda 29, 121 ff.; Heusler, Altgerm. DichtungKeller, Tanz u. Gesang bei d. alten Germa- aaO. u. GRM. 10, 1922, 16-31. — Schuegraf,nen, Berner Diss. 1927 S. 56 ff.; J. F. Clauss, ZfdKulturgesch. 1856, 447-76; Konr. Gu-Die Totenklagen der dt. Meistersänger, Frei- sinde, Neidhart mit dem Veilchen, 1899;bürg. Diss. 1919, ungedr.; L. Heinemann, Üb. Mohr, D. unhöf. Element; Pfeiffer, Chori-Quellen u. Gestaltung d. lyrischen Totenklagen sches Tanzlied aaO.; Schröder, ZfdA. 61, 27dt. Dichter bis z. Ausgange d. mhd. Zeit, Mar- -34; Naumann, Grundzüge d. dt. Volksk.bürg. Diss. 1923, ungedr.; Brinkmann, Ent- S. 127-32. Franz Rolf Schröder, Germanen-stehungsgesch. S. 76-8. — LG. I, 36^15 u. tum u. Hellenismus, 1924 S. 51 ff. 78 ff. —Reg. S.468 c . Franz. bes.: Gröber, Grundr. Reg. S. 1282
2 Uhland 3, 30 ff. u. Anm.; 207. 389 ff.; 5, „Tanzlieder"; Gaston Paris, Journ. des sa-123 ff. u. Anm.; Lachmann, Üb. d. Leiche d. vants 1891 u. 1892; J. Bedier, Les fetes dedt. Dichter d. 12. u. 13. Jh.s, Kl. Sehr. S.325ff.; mai et les commencemens de la poesie lyr. auWackernagel, LG. I 2 , 300 u. Anm. 28-30; moyen äge, Revue des deux mondes 134, 1896,Koberstein l 4 , 230; Bartsch, Liederdichter 8 146-72; Jeanroy, Origines 2 S. 177 ff. 387 ff.S. 17-20, Rud. Hildebrand, Materialien z. 479. 491-95; Wechssler S. 322 f.; Vossler,Gesch. d. dt. Volkslieds, 1900, S. 89 ff.; Ventadorn S. 44 f. — P. v. Winterfeld, Dt.