202 Die lyrische Dichtung
Bänkelsängerton voraus (MSH. II, 165-68, Pfaff, Die große HeidelbergerLiederhs. Sp. 1016-20).
Das deutsche Tagelied in seiner normalen Gestalt hat seinen Ursprung 1in der provenzalischen Alba, so genannt nach dem im Kehrreim vieler pro-venzalischen Tagelieder wiederkehrenden Worte, das den weißen Streifenam Horizont bezeichnet, mit dem der Tagesanbruch sich ankündet. Aberdie Provenzalen sind nicht die ersten, die das Motiv dichterisch verwendethaben, der geistliche Morgengesang berühmter lateinischer Hymnen des Am-brosius, Hilarius, Prudentius hat die Erhabenheit des tagverkündenden Weck-rufes dem poetischen Empfinden längst nahe gebracht. 2 Überhaupt findensich tageliedartige Strophen in verschiedenen Literaturen, so daß diese Dicht-gattung als poetisches Gemeingut erwiesen ist und gleichsam bodenständiggeworden sein kann. 3
Die Pastourelle* ist eine im Provenzalischen bekannte, besonders aberim Französischen beliebte Gattung unhöfischer, niederer Minne; eine Ver-führungsgeschichte, die einen typischen Verlauf nimmt: ein Herr trifft drau-ßen auf der Heide ein Bauernmädchen, eine Hirtin — daher der Name prov.pastorela, pastoreta, Hirtengedicht —, die er zur Buhlschaft überredet. DerAusgang ist gewöhnlich, nicht immer, dem Schmeichler günstig. Den Haupt-teil nimmt auch hier meistens der Dialog ein.
Die Pastourelle kann nicht volkstümliche Dichtung genannt werden, imGegenteil, sie ist ein raffiniertes Aristokratenvergnügen und aus den sozialabgestuften Standesverhältnissen des Mittelalters zu verstehen. Am grell-sten beleuchtet die Moral oder vielmehr Unmoral einer solchen Liebes-geschichte das Kapitel De amore rusticorum des Kaplan Andreas (TrojelS. 235 f.): naturaliter, wie ein Pferd oder Maulesel, werden die Bauern durch
1 Bartsch, Ges. Vortr.; Scherer, Dt. Stud. roy S. 1 ff. 128 u.ö.; Faral, Romania 49,2, 104 ff., dagegen Paul, Beitr. 2,465 ff.: hält 204 ff.; Wechssler S. 132 Anm.; Otto Bö-volkstüml. Ursprung für nicht unmöglich, s. ckel, Dt. Volkslieder aus Oberhessen, 1885,auch Burdach, Reinmar S. 77 Anm.; R. M. S. CLXIIff.; Heinzel, Kl. Sehr. S. 104 f.;Meyer, ZfdA. 29, 232 ff.; Berger, ZfdPh. 19, Schönbach, Anfänge S. 16. 21. 101 f.; Ders.,444; RoETHE.Anz. 16,92f.; s.auch Schwiete- Wiener SB. 141, 1899, 144; R.M.Meyer,ring, ZfdA. 61, 64; Brinkmann, Entstehungs- ZfdA. 29, 222 f.; Bielschowsky, Dorfpoesiegesch. S. 129. 149. S. 283-94; Singer, Neidhart-Studien, 1920,
2 Scherer, Dt. Stud. 2,104 ff.; RoETHE.Anz. 9. 16; Brinkmann, Neophilol. 9, 1923, 204 ff.;16, 86 ff.; de Gruyter S. 127 ff.; Singer, Ders., Entstehungsgesch. Reg. S. 169 u. bes.Mittelalter u. Renaiss., 1910, S. 12; Ganzen- S. 77 ff.; Schwietering, Ans. 45, 80; Piquet,Müller, Naturgefühl S. 21 ff. — Johannes L'fivolution de la pastourelle du XI Ie siecle äSchmidt, Die älteste Alba, ZfdPh. 12, 333—41, nos jours, 1927; Habermann, Reallex. 2, 658f.ist ein geistliches Gedicht, lat. mit prov. Re- — Üb. d. Ursprung der Pastourelle s. Brink-frain, 10. Jh.; Laistner, Germ. 26, 415-20. mann, Lat. Liebesdichtung S. 77 ff.: Liebes-
3 Scherer, Anz. 1, 203; Erich Schmidt, dialoge, die die Aufforderung eines hohen Kle-ZfdA. 29, 119 f.; Roethe, Anz. 16, 85; Bur- rikers an eine Nonne zum Mittelpunkt haben,dach, SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 1015 Anm. schon im 10. Jh.; die eigentliche Pastourelle,1088 f. u. Vorspiel I, 1,279 Anm. 318; Schlä- das Hirtengedicht, unter Einfluß von Ovidsger S. 82 ff.; Schwietering, ZfdA. 61, 64. — Heroiden V, dann das Heruntersteigen in dieArabisch: Burdach, SB. S. 1073. 78. 84 u. derbsinnlichen Niederungen bei den Vaganten,Vorsp. S. 299. 305, 312; Ovid, Epistel Heros in den Carmina Burana. — Die provenzal.u. Leanders XVII. XVIII. Pastourelle ist ein Unterhaltungsstück der ga-
4 Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche lanten Gesellschaft, die franz. trägt meist der-S. 223 ff.; Burdach, Reinmar S. 11 ff.; Jean- bere Züge.