Gattungen 201
Gattungen 1
In einer lat. Predigt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird einSchema von sechs Liedgattungen aufgestellt mit genauer Bestimmung desInhalts: taglied, chlaglied, minnelied, loblied, scheltlied, vreuden-lied. z In einem Spruch, der in der kleinen Heidelberger Liederhs. Reinmardem Videler zugeschrieben ist, 3 werden elf Arten aufgezählt, worunter fastalle sechse in der obigen Predigt vorkommen. Auch Ulrich von Lichtensteingibt verschiedene Liedweisen an.*
Das Tagelied. 5 Das Liebesempfinden, das im Minnelied sonst überzeit-lich ausgesprochen wird, ist im Tagelied in einer bestimmten Situation sinn-fällig geworden: die Liebenden werden durch den anbrechenden Tag über-rascht; das lyrische Moment ist episch umkleidet und die Handlung ist indramatische Bewegung aufgelöst. Im gewöhnlichen Tageliedschema ist dasGespräch auf drei Spieler verteilt: ein Wächter leitet die Szene ein, indemer vom Turm herab den Anbruch des Tages verkündet und die Liebendenvor der drohenden Gefahr des Entdecktwerdens warnt. Der Hauptteil fälltden beiden Liebenden zu, die in einem Wechselgespräch das Scheidenmüssenaus dem liebesseligen Zusammensein beklagen. — Der Wächter wurde nachromanischem Vorbild von Wolfram eingeführt (LG. II, 2, 295-97); in demältesten Tagelied, dem Dietmars (MF. 39, 18), ist ein Vögelein der Tagver-künder (vgl. MF. 34, 3). 6 In mancherlei Abwandlungen ist das obige Schemavervielfältigt, so besteht bei Morungen (MF. 143, 22) das Lied nur aus demZwiegespräch; zuweilen wird der Wächter auch in den Dialog einbezogen;Lichtenstein hält es für höfischer, wenn eine Dienerin die Rolle des bäuerischenWächters übernimmt (509, 6 ff.); und Günther von dem Forste schickt demDialog seines 23strophigen Tageliedes eine lange balladenhafte Einleitung im
1 Mhd. Wb. 1, 984 f. liet, 1, 959 f. leich; ZfvglVolkskde 5, 225, Stengel, Lbl. 1895,Wackernagel, LG. I 2 , 291 ff.; Bartsch, 266-68, H. Springer, ZfromPhil. 20, 393-97;Liederdichter,Einleitung;WiLMANNS-MiCHELS, Voretzsch, ZfrzSpr. 18, 883-88; Th. Len-Leben W.s S. 30. 41-3. 58-60. 61 ff. 188-233; nich, D. epischen Elemente in d. mhd. Lyrik,Brinkmann, Lat. Liebesdicht. S. 38 f., Ent- Gott. Diss. 1896, S. 17-30. — Tagelied alsstehungsgesch. S. 62-85. — LG. I, 14-62. Dialog: F. Brachmann, Germ. 31, 485 f.;
2 Schönbach, ZfdA. 34, 213 ff., dazu ebda Angermann, Wechsel S. 31. 38 ff. 125 ff.; F.46,93 ff.; s. auch Alfr. Schaer, Die ad. Fech- Nicklas, Untersuch, üb. Stil u. Gesch. d. dt.ter u. Spielleute, 1901, 94-96. Tageliedes, 1929, dazu Halbach, ZfdtBildung
3 Wilmanns-Michels, Walther Ausg. 1924, 1931, 540; Theod. Kochs, D. dt. geistliche428 f.; MSH. III S. 330 b . Tagelied, 1928, dazu O. Schumann, Anz. 49,
4 Wackernagel, LG. I 2 , 301 u. Anm. 33 f. 116-20; Rosenhagen, Reallex. 3, 337 f. —6 Wackernagel l 2 , 301 f.; Koberstein l 6 , F. Norman, An Unknown Middle H. G.
232. — Uhland 5, 175-83; Lachmann, Anm. „Tageliet", The Mod. Langu. Rev. 17, Jan.
zu Walther 89, 20; Scherer, Dt. Stud. 2, 1932.
104 ff.; Bartsch, Ges. Vortr. u. Aufs., 1883, 6 Scherer, Dt. Stud. 2, 104 ff.; Heimisches
250-317; Schönbach, Anfänge S. 15-24; im Tagelied: Roethe, Anz. 16,92 f.; das Vöge-
Jeanroy, Les Origines 2 S. 61-83. 141^15; lein auch provenzal.: de Gruyter S. 3 ff.;
Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 30. 209 f. franz.: Jeanroy S. 68 ff. — Shakespeare, Ro-
404; Walter de Gruyter, D. dt. Tagelied, meo u. Julia 3, 5: „Die Lerche war's, die Tag-
Leipz. Diss. 1887, dazu Roethe, Anz. 16, 75 verkünderin, nicht Philomele", vgl. Bartsch,
-97, R.M.Meyer, DLz. 1888, 629 f., Giske, Ges. Vortr. S. 250 f.; L. Fränkel, Shakesp.
ZfdPh. 21, 242 ff.; Georg Schläger, Stud. u. d. Tagelied, 1893.üb. d. dt. Tagelied, 1895, dazu R. M. Meyer,