Das Werk 193
begeben. Zwar blieben die adligen Minnesänger bei der Lyrik und nur seltenwandte sich einer, wie Reinmar von Zweter, der Spruchdichtung zu. Aber um-gekehrt drängten sich die oberdeutschen Spielleute und Bürgerlichen in dasden ritterlichen Herren zustehende Gebiet des Minnesangs und traten somitals Wettbewerber der ritterlichen Hofdichter auf. Auch hier ein landschaft-licher Unterschied zwischen Süd und Nord, denn die mittel- und niederdeut-schen Fahrenden blieben bis gegen das Ende des 13. Jahrhunderts bei derSpruchpoesie. 1 So trifft im allgemeinen die Scheidung zu, daß der Minnesangmehr oberdeutsch ist, die Spruchdichtung sowohl oberdeutsch als mittel- undniederdeutsch.
Der Minnesang — nach dem Kürenberger — bewegt sich als typische Kunstin den durch die Tradition gegebenen Formen. Er ist keine Heimatkunst so-wenig wie der höfische Roman. Darum lassen auch die Lieder—mit Ausnahmeder Strophen des Kürenberger — selten eine landschaftlich angestammteSonderart erkennen.
Als Hofkunst war der Minnesang von der Kunst vornehmer Gönner ab-hängig. Die berühmtesten Kunststätten waren der Thüringer und der WienerHof (LG. 11,2, 18).
Das Werk
l.Lied, Leich, Spruch.Teils der Form, teils dem Inhalt nach sind diesedrei Gattungen der mhd. Lyrik unterschieden. Lied und Leich 2 sind inhalt-lich verbunden durch ihre rein lyrische Haltung, Lied und Spruch durch dieForm. Daz liet bezeichnet die einzelne Strophe, Plur. diu liet, die Strophenzusammen machen das Lied aus.
Vortragsweise. 3 Das Lied und der Leich sind bestimmt zum Singen. 4Text (diu wort) und Melodie (diu wise; die Bezeichnung dön faßt die metrischeForm und die Melodie zusammen) sind unlöslich miteinander verbunden,der Dichter war meist auch zugleich der Tonsetzer; die Musik verleiht demWortgebäude des Liedes erst das volle Leben. Man müßte also, wenn man indie Wirkung eines Liedes oder Leiches ganz eindringen wollte, immer auchdie Melodie kennen. Da nun diese nur selten überliefert ist, entgeht uns dervolle Eindruck eines Liedes oder Leiches. Auch der Spruch wird gesungennach einer bestimmten Melodie, aber beim Liede gehört der Gesangsvortragan sich zum wesentlichen Bestand. Lyrik und Musik wurzeln im Gefühlsleben,der Stoff des Spruches ist verstandesmäßig erfaßt und verarbeitet. 5
1 Burdach, Reinmar S. 134 ff. Beitr. 41, 66 Anm. 2. — Singen und sagen:
2 LG. I, 14-34 und in diesem Band unten Lachmann, Kl. Sehr. S. 461-79; Schwiete-,,Gattungen". ring, Singen u. Sagen, Gott. Diss. 1908, 14 ff.
3 Siehe oben „Gesellschaftsdichtung", bes. 5 Simrock hat den Namen Spruch eingeführtSchönbach, Walther; Schneider, Helden- (Übersetzung von Walther, l.Ausg. 1833,dichtung usw.; Günther Müller, Reallex. 2, Bd. 1, 175), er auch hat zuerst Lied u. Spruch210-25. getrennt. Man unterschied beide Gattungen
4 Doch konnte ein Lied natürl. auch gelesen dahin, daß das Lied gesungen, der Spruch ge-werden: Heusler, Versgesch. 2, 163; Plenio, sprachen worden sei; auch sei das Lied mehr-
13 Deutsche Literaturgeschichte IV