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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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190 Die lyrische Dichtung

wir wohl erkennen, vielleicht auch sein Temperament, aber nur schwer denMenschen. Der reale Erlebnisinhalt in dieser Kunst war nur gering. Die nichteben häufigen Situationsbilder sind, wie jedenfalls beim Tagelied, erfun-den. Und auch das Schwärmen und Schmachten und gar das Erhören sindnur Ausdruck übertriebener Wünsche, die sich an der Sachwelt stießen. Zwi-schen Dichtung und Wirklichkeit gähnte ein leerer Raum. Insofern kann mandie Werbung, die eine Erhörung voraussetzt, eine Einbildung, Fiktion nen-nen, eine trügerische Hoffnung (wän, Wechßler S. 192 f.). Aber der idelleErlebnisgehalt eines Liedes bleibt bestehen, wenn auch das Wunschbild nurals ein Erzeugnis der poetischen Phantasie existiert; die seelische Vorstellungträgt den Dichter über den Alltag in eine erhabene geistige Sphäre, sie erhöhtsein Lebensgefühl und schafft in ihm den höhen muot, den Gotfrid zum An-trieb aller Tugenden macht. 1 Diesen idealen Gewinn stellt Albrecht von Jo-hannsdorf als Lohn für den Dienst in Aussicht: daz ir deste werder sit und dabi höchgemuot (MF. 94, 14; vgl. Lichtenstein 9, 31). Und außer dem ethischenErlebnis wirkt im Dichter das künstlerische Hochgefühl mit, durch seinenSang die Herzen zu erheben und Freude um sich zu verbreiten: ich hän hun-dert tusent herze erlöst von sorgen; alse frö was ich, Reinmar, MF. 184, 31(vgl. Walther 67, 22. 73, 9. 83, 6). Leidenschaftliche innere Ergriffenheitwird man selten in den Liedern spüren, schon die Tendenz als offiziell ge-sellige Dichtung läßt starke persönliche Gefühlsäußerung nicht aufwallen,wenn sie auch zuweilen im Innern verhalten bleiben mochte. In der Ästheti-sierung des Lebens findet der Minnesang auch seine Schranken: zu leichtgerät der Dichter in die Fesseln der Konvention und die Sprache des Herzenswird übertüncht von der traditionellen, gewohnheitsmäßigen Phrase. 2 Aberin seinem letzten, in dem seelischen Grunde ist ein Lied nicht mit rationellenErwägungen zu erschöpfen. Jeder einzelne Dichter ist eine Persönlichkeit,die ihr So-sein hat. Dieses persönliche Moment wird bei aller Gleichförmigkeitder Gesamtlage doch in jedem einzelnen Erzeugnis zur Äußerung gelangen.Das Individuelle herauszuarbeiten wird Aufgabe der literaturgeschichtlichenEinzeldarstellung sein. 3

Der Dichter

Die Standesverhältnisse. 4 Der Minnesang als aristokratische Standes-poesie ist recht eigentlich des Gebiet des Adels und des Rittertums, selbstFürsten huldigten dieser vornehmen Kunst. Weitaus die meisten Sänger aber

1 Ranke, Allegorie der Minnegrotte; LG. II, Gesicht d. dt. Minnesangs, 1930.2, 314. 3 Siehe Korn aaO.

2 Man kann (s. ob.) einen Unterschied machen 4 Alois Schulte, Die Standesverhältnissezwischen Minne und Liebe: Minne ist Idee, in der Minnesänger, ZfdA. 39, 185-251, vgl. Z. f.diesem Sinne ist Minnesang Idealisierung der Gesch. d. Oberrheins 7, 542-59; Fr. Grimme,Frau, des weiblichen Charakters, ein geistiges Neue Heidelb. Jahrbücher 4, 153-90 u. Alem.Erlebnis, Liebe ist der durch die Natur ein- 24, 97-141. Wilmanns, Leben W.s 1 , 1882,gegebene Trieb des Herzens, herzeliebe, ein see- 296 f. (ed. Michels, 1916, S. 65); Alfredlisches Erlebnis, vgl. Friedr. Neumann, Schaer, D.ad. Fechter u. Spielleute, 1901, bes.ZfDtschkde 1925, 81 ff.; Langenbucher, Das S. 94-6; Frantzen, Neophil. 4, 360; Ant.