Wesen und Inhalt des Minnesangs 189
gefühl aber, die Atmosphäre, ist die Freude, joi, auf Freude ist das gesell-schaftliche Leben gestimmt, zur Freude 1 beitragen ist die Aufgabe jedes Mit-gliedes, der Hofdichter ist geradezu darauf verpflichtet, und selbst der, dessenHerz kummerbeschwert ist, muß sich zur Scheinfreude zwingen.
In der Ergründung des sittlichen Wesens der Minne hat sich die Reflexionvertieft und die Liebeslyrik schweift gar zu oft von dem unmittelbaren Ge-fühlseindruck, von dem seelischen Zustand, auf ein Nachgrübeln über dieseErscheinung ab und macht sie zum Gegenstand intellektueller Begrifflich-keit. Man suchte das Minnephänomen psychologisch und ethisch zu ergrün-den, indem man sich gedankenhaft in das Gefühlsleben versenkte (s. oben).
So ist der Minnesang doch nicht bloß ein Spiel, sondern er hat veredelndenWert, 2 er bedeutet die Gestaltung eines Lebensideals. In ihm liegen die Kräftezu höherer Seelenbildung und zu feineren Lebensformen. Am Schluß derSchilderung des vollendeten Weltmannes, als welchen Hartmann den HerrnHeinrich von Aue darstellt, gibt er ihm den Preis: „und sanc vil wol vonminnen (A. Heinr.71).
Minnesang als Erlebnis- oder als Gesellschaftsdichtung. 3 DerMinnesang war eine gesellige Kunst, insofern die Lieder vor der Hofgesell-schaft vorgetragen wurden; in diesem Betracht war er Gesellschaftsdich-tung, in welcher Wortkunst und Musik und in manchen Fällen auch Tanz-kunst vereinigt waren. Auch wenn das Lied der Dame unmittelbar zugestelltwurde, war doch ein Vortrag im höfischen Kreise nicht ausgeschlossen. 4Wenn aber der Minnesang im wesentlichen auf die Gesellschaft und Gesellig-keit hingerichtet war, wo bleibt dann das wirkliche erlebte Leben? Die Fragenach dem realen Gehalt kann nur im allgemeinen abgetan werden, denn dieWirklichkeit ist eben durch den abstrakten, typischen Stil möglichst aus-geschaltet und bei der konventionellen Blässe wird uns ein Lied nur in selte-nen Fällen die wahre Seele des Dichters offenbaren. Den Künstler werden
1 Wechssler S. 34-41 u. Reg. S. 492 (joi); poesie, Bonn. Diss. 1908, dazu Schröder,Aug. Arnold, Stud. üb. den Hohen Mut, 1930, Anz. 31, 127; Wechssler S. 81-6. 154 f. 183S. 7-21.60-68; Karl Korn, Stud.üb.„Freude -216. 417. 457 f.; Vossler, Ventadorn S. 35;u. Trüren" bei mhd. Dichtern, 1932, S. 30-61; Rosenhagen, GRM. 4, 380-83, Reallex. 2,LG. II, 2, 22 f. — Freybe, Das Memento 355 ff.; Plenio, Beitr. 42, 426 ff.; v. Kraus,mori in den Liedern der Minnesänger, in: Reimar II S. 4; Günther Müller, Dt.Freybe, Das Memento mori, 1900, 215-22. Vjschr. 1,85-8, Reallex. 2,212; Fr. Neumann,
2 Ez tiuret junges mannes lip, der suoze ZfDtschkde 1925, 81 ff.; Naumann, Höf. Kul-sprichet wider diu wip, Lichstenst. 9, 19 f. tur aaO.; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 615 ff.,
3 Wilmanns-Michels S. 20 ff. 24, Wil- GRM. 15,195 ff., Wesen u. Form S. 94,150 ff.;manns, Anz. 7, 164 ff.; Burdach, Reinmar Schneider, Heldendichtung usw. S. 216 ff.S. 153, SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 998 u. Vor- 378 ff. — LG. II, 2, 21. Langenbucher, Ge-spiel I, 1,258 f., Anz. 9, 350 f. 12, 190 (Minne- sieht d.dt. Minnesangs, 1930, u.ZfdtBildung 6,lieder „vor einer Gesellschaft gesungen" schon 1930,441^19; K. Korn, Studien über „FreudeBodmer: Burdach, Preuß. Ak. SB. 1918, und Trüren" bei mhd. Dichtern, 1932; O.Gör-852 f. 865. 871 f. u. Vorsp. I, 2); Schönbach, ner, Liebes- u. Gesellschaftskasuistik im MA.Walther v. d. V. S. 54 ff., ed. Schneider u. Rokoko, Arch.f. Kulturgesch. 22,1932, H.3.S. 45 ff.; Schönbach, Üb. Hartm. v. Aue, 4 Spielmann als Bote: Bartsch, Liederdich-371 ff.; Ders., Anfänge d. Minnesanges 120 ff.; ter Nr. 37; Wackernagel, LG. I 2 , 305 f. —Piquet, fitude sur Hartmann d'Aue S. 27 ff. Ulrich von Lichtenstein ließ seine niuwiu liet340 ff.; Max Rieger, ZfdA.47, 96 ff.; Arn. jeweils durch einen Boten der Dame seinesSchiller, D. Minnesang als Gesellschafts- Dienstes überbringen.