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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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188
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188 Die lyrische Dichtung

Zulächeln, schon dreister war sein Wunsch um einen Kuß, eine Umarmung.Auch ganz sinnliches Verlangen wird zuweilen ausgesprochen. 1

Aber man kann nicht zu gleicher Zeit die tugent der Frau eines andernpreisen und ihren lip verlangen, der Widerspruch zwischen Sinnenlust undGeistigkeit, zwischen dem natürlichen Begehren und übernatürlicher Ent-sagung, zwischen Wirklichkeit und Ideal in ein und derselben Liebesethik istnicht zu überbrücken, und an dieser Unnatürlichkeit krankt die Verherrlichungder Frauenminne im Minnedienst. Der Grund hierfür liegt eben darin, daßder Minnesang reine Kunstdichtung ist, eine gesellschaftliche Form derGalanterie, deren Inhalt nach der idealisierenden höfischen Konvention sti-lisiert ist und nicht freie Schöpfung und unmittelbare Auslösung innererpoetischer Nötigung. Und nur unter den besonderen gesellschaftlichen Standes-anschauungen der mittelalterlichen Feudalität konnte eine solche Minne-vorstellung entstehen.

Wie weit nun auch die Wünsche reichen mögen, des Dichters Sang gilt nurder hohen Minne, deren Wesenheit auf die tugent gegründet ist. Auch dasirdisch Leibliche ist umhüllt von dem Zaubermantel überirdischer Vergött-lichung der Frau, der durch natürliches Verlangen nicht entstellt wird. Ver-worfen dagegen wird die niedere Minne, das ist die bäuerische, die un-höfische, bloß sexuelle Buhlschaft, die nicht wie der entsagungsvolle Dienstder hohen Minne den Mann zu höher wirde anspornt. 2

Pflichten und sittlicher Wert des Minnesangs. Indessen diese Minne-kultur geht nicht auf in den Äußerlichkeiten des Umgangstons und gesell-schaftlichen Verkehrs, in der Galanterie, Höflichkeit, sondern sie ist mora-lisch unterbaut durch sittliche Gesetze (LG. II, 2, 19 ff.). Die Minne hat sitt-lich erzieherische Kraft, sie ist Quelle aller Tugenden, fons et origo omniumbonorum (Kaplan Andreas, Wechßler, Kulturproblem S.42. 50. 429). Siesetzt Anstand, höfisch feine Bildung voraus, hövescheit, zuht (gute Erziehung),vuoge (passendes Benehmen), prov. cortezia, frz. courtoisie. Die Grundformder höfischen Tugenden ist die Mdze, prov. mezura, die Selbstbeherrschung,die Zurückdrängung der eigenen Person und gefällige oder wohlwollendeRücksichtnahme auf den andern. Die Kardinaltugend des Maßhaltens, dietemperantia, ist so die Grundlage für die die Gesellschaft beherrschendeForm, in Wechselwirkung von Individuum und Umgebung. Das Lebens-

1 Wilmanns-Michels S. 284 ff.; Burdach, == die ästhetische Kultur) = hohe Minne undReinmar S. 148-50; Paul Schultz, Die erot. bäuerisch (Buhlschaft, der rohe Trieb) = nie-Motive aaO.; K. Heyl aaO. S. 10 ff.; Elsbet dere Minne zusammen (Wechssler, Kultur-Kaiser aaO. Der unverhüllte Anspruch auf probl. bes. S. 328 ff. Beides sindBegriffe dergendde, Erhörung, der reinen guoten wibe bei Minnetheorie" und haben mit derLiebe" alsWalther 91,1, halsen, Muten, bi gelegen ist eine ehelichem Band nichts zu tun. Uhland 5,Stufenreihe der Gunstbezeugungen. 150-59; Wilmanns-Michels S. 22, 265 f.;

2 So nach Walther 46, 32 ff. Der Gegensatz Elsbet Kaiser S. 16 f.; Friedr. Neumann,hohe niedere Minne kann entweder ethisch Hohe Minne aaO.; Günther Müller, Dt.(amor purus gegen amor mixtus) aufgefaßt Vjschr. 5, 110; Naumann, Höf. Kultur aaO.werden oder sozial, aber im allgemeinen fallen bes. S. 29.

beide Unterschiede in höfisch (Minnedienst,