Wesen und Inhalt des Minnesangs 187
Hofkreisen angehörende Dame hohen Standes. So tritt neben den Herren-dienst der Frauendienst. So bestand ein Nebeneinander von Minne undEhe. Aber in den höfischen Kulturbedingungen der Zeit konnten ungestörtund unabhängig voneinander beide Bindungen jede in ihrem Bereiche un-gehindert zur Geltung gelangen. Beide beruhen auf verschiedenen Ursachen:jene auf dem gesellschaftlichen Feudalverhältnis, diese auf dem kirchlich-staatlichen Recht. Das Ziel der Minnehuldigung für den im Hofdienst stehen-den Dichter war, durch Preis des Ruhmes und der Ehre der Herrin Lohn zuerhalten, der vornehme Herr mochte wohl nach leibhafterer Gunst streben;die Ehe dagegen wurde geschlossen in Hinsicht auf Gründung einer Familie,war meist eine praktische, auch rein politische Vernunftheirat und fand ihrenMittelpunkt im Hauswesen, für welches die Frau Fürsorge trug. Um auch inder Wortbezeichnung beide zu scheiden, wählt man für das höfische Verhält-nis die Benennung „Minne" (= amor), Liebe dagegen steht in Wechsel-beziehung zu Ehe. 1 Darin liegt also der Gegensatz zwischen Idee (Minne) undWirklichkeit (Liebe), Idealität und Realität, zwischen dem Übersinnlichenund dem Sinnlichen inbegriffen.
Die höfischen Romane enthalten zahlreiche Beispiele für die Art des Lie-besverkehrs und -dienstes, unmittelbare Kundgebung aus dem Leben herauserhalten wir durch Wolfram und Lichtenstein. 2 Klar sehen wir aus dem Par-zival, daß die Minne .nur eine höfische Huldigung ist, die nichts mit dem Be-griff von Liebe und Ehe zu tun hat. Aber doch ist es eine ernst genommeneAngelegenheit, ein gleichsam offizielles Band, das Herrn und Dame zur Ein-haltung von gegenseitigen Verbindlichkeiten verpflichtet (Wolframs Zorn überdie missetät seiner frouwe 114, 5 ff.). Dem Einfluß einer vornehmen Frauschreibt er die Fortsetzung und Vollendung seines Parzival zu; also Dichtungals Huldigung (s. LG. II, 2, 296 f.).
Was hatte nun der Dichter zu leisten, wenn er einer Dame diente? Worinbestand, abgesehen von der Huldigung, die er ihr durch seine Kunst dar-brachte, der Dienst, dessen er sie versichert? Zunächst wohl hatte er ihr be-sondere Aufmerksamkeit bei allen möglichen Dienstleistungen zu erweisen,alle ihre Wünsche zu erfüllen, „Ehrerbietung" zu bezeugen. Er mußte aus-gesprochen „ihr Ritter" sein, ihr zu Ehren an Turnieren sich beteiligen, aben-teuerliche und wohl auch gefährliche Wagnisse unternehmen, zu den Hof-festlichkeiten beitragen. Für den Dienst war die Dame aber auch, gemäßder Gegenseitigkeit im feudalen Treuverhältnis, zu Lohn verpflichtet, siemußte das Verhältnis ebenso stcete bewahren wie der dienende Ritter; erhörtsie ihn nicht, dann kann er einen andern Dienst suchen (Lichtenstein 353, 2).Als Belohnung ersehnte er einen freundlichen Blick, Gruß, minnigliches
1 Friedr. Neumann, Hohe Minne aaO.; Schriften u. Hellmuth Langenbucher, Das
Günther Müller, Dt. Vjschr. 2, 1924, 708ff. Gesicht des dt. Minnesangs u. seine Wandlun-
5, 1927, 110; Naumann, Höf. Kultur aaO. — gen 1930; Ders., Idealismus u. Realismus im
Minne als Idee und Liebe als Natur, natür- dt. Minnes., ZfdtBildung 6, 1930, 441-49.
liches Verlangen s. die eben angeführten 2 Plenio, Beitr. 41, 118 ff.