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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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186 Die lyrische Dichtung

Der starken Ergriffenheit des Gefühlslebens in dem Jahrhundert, in demder Minnesang entstand, entsprang die Inbrunst der Mystik, und mancheStellen in den Sermones in Canticum Canticorum des heiligen Bernhard oderin der ihm zugeschriebenen Abhandlung de amore Dei klingen wie Liebes-lieder der schwärmenden, jubelnden und klagenden Seele. In dem sinnlich-übersinnlichen Brautgesang des Hohen Liedes 1 war die spirituelle Liebe ir-disch empfunden. Ganz menschlich und doch frei von sinnlicher Anwandlungwohnt aber in den heilsbedürftigen Herzen das Bild der heiligsten Frau, derMutter Gottes. Liebe ist hier Verehrung, demütige und glaubensvolle Hingabean das reinste Wesen.

Den höchsten Grad der transzendenten Erhöhung hat die Frauenminne indem italienischen Dolce stil nuovo, demsüßen neuen Stil", erreicht. Derhöfische Frauendienst geht zum religiösen Heiligenkult über. 2 Hier ist dieFrauenminne mit der Gottesminne verquickt, die irdische Herrin ist einSymbol für die himmlische Charitas.

Minnedienst. Der reale Ursprung des Minnesangs aus der feudalen Ge-sellschaftsbindung des Abendlandes machte sich geltend in der charakteri-stischen Form des Minnedienstes, die dieser aristokratischen Standes-poesie ihr besonderes Gepräge verlieh. 3 Aus den sozialen Verhältnissen desFeudalsystems kommt die eigenartige Vorstellung, wonach der Dichter derFrau dient. Es ist die dem Bewußtsein der Zeit innehaftende Standesschich-tung, die in der Abstufung von Herr und Untergebenem besteht. Unmittel-bar aber hatte der Minnedienst seinen Boden im Hofdienst der Berufssängerund der ebenfalls zum Hofstaat (ingesinde) gehörenden ritterlichen Dienst-mannen (Ministerialen, die Mehrzahl der Dichter) und ebenso in der der Frausich aus Galanterie unterordnenden kavaliermäßigen Werbung der Herrenvon freier Geburt. In diesen gesellschaftlichen Verhältnissen war es gegeben,daß die verehrte Dame eine verheiratete Frau war, eben die Gattin des Ober-hauptes und Herrn des betreffenden Hofes, aber wohl auch sonst eine den

1 P. Rousselot, Du problfeme de l'amour au liede d. 12. Jh.s, Teutonia 11, 1908, S. 70 ff.;moyen äge, Beitr. z. Gesch. d. Philos. d. MA.s Walther Brecht, Ulr. v. Lichtenstein alsBd. VI H. 6, 1908; Arnold Oppel, D. Hohe- Lyriker, ZfdA. 49, 1-122; Lüderitz, Lieder-lied Salomonis u. die dt. religiöse Liebeslyrik, theorie aaO.; Michel, Heinr. v. MorungenAbh. z. mittl. u. neueren Gesch. H. 32, 1911; aaO.; Wechssler, Kulturproblem pass.,s. LG. II, 1, 29 ff. Frauendienst u. Vassallität, ZffrzSpr. 24, 159

2 Vossler, Die göttl. Komödie 1 S. 837, -90; Kluckhohn, ZfdA. 52, 139-49; Elsbet2. Aufl., S. 577. Kaiser, Frauendienst im mhd. Volksepos 1921,

3 Uhland 5, 138-74; Wilmanns-Michels, dazu Schneider, Anz. 41, 194 f.; Plenio,Leben Walthers S. 21-28. 246-89 u. Anm.; Beitr. 41, 118 ff.; C. v. Kraus, D. Lieder Rei-Burdach, Reinmar S. 143 ff.; Reinhold mars d. Alten II, 3 ff.; Ders., H. v. Morungen,Becker, D. mittelalterl. Minnedienst in Ausg. 1925, S. 109-20; Brinkmann, Lat. Lie-Deutschland, Progr. Düren 1895, dazu R. M. besdichtung S. 52 ff.; Friedr.Neumann, HoheMeyer, Anz. 23, 163-67, R.Becker, ebda Minne, ZfDschkdel925,81-91; Hans Naumann,S. 398-400, R. M. Meyer S. 400 f.; Strei- Hof. Kultur, Buchreihe d. Dt. Vjschr. Bd. 17,cher, Verhältn. zw. Mann u. Frau u. dichte- 1929, S. 15 ff.; Myrrha Lot-Borodine, Surrische Anschauung in d. mhd. Lyrik, ZfdPh. les origines et les fins du Service d'amour, Me-24, 171-86; Otmar Schissel v. Fleschen- langes de linguistique et de litt. off. ä M. Alfredberg, D. Adjektiv als Epitheton im Liebes- Jeanroy 1928, 223 ff.