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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Wesen und Inhalt des Minnesangs 185

Wesen und Inhalt des Minnesangs

Kultur der Frau. Jene ideelen und formalen Bedingungen im südfranzö-sischen Leben, die gesellschaftlichen Anforderungen und die gesteigerten geisti-gen Energien, schufen ein neues höfisches Lebensgefühl, in welchem die Frau,die Herrscherin im Reiche der Zucht und Sitte, eine überragende Stellung ge-wann. Aus dieser Stimmung heraus entwickelte sich, zunächst in Südfrankreich,ein hohes Frauenideal, das in der Minnedichtung eine Verklärung erhielt. Nichtdie Totalität der Willensvorgänge, die im Epos als Heldentum und Minnezusammengefaßt sind, ist hier im Bilde geschaut, nicht die männliche, tätige,kräftige Seite des ritterlichen Charakters drängt hier zur Tat, 1 sondern eingefügsam sich hingebendes Herz versenkt sich in ein einziges Wunschbild,die geliebte Frau. Der Kultus der Frau, die Frauenverehrung ist der seelischeUrgrund des Minnesangs. Die Frau ist das Urbild der Vollkommenheit, fastein überirdisches Wesen, dessen leibliche Schönheit ein himmlischer Glanzumschwebt.

Minnesang und Religion. 2 Die denknotwendige Voraussetzung für dieseeigenartig transzendente Auffassung der Minne, für die nahzu religiöse Hul-digung der Frau, beruht auf der Erschließung jener Gefühlslagen, die dasChristentum mit seiner Hinneigung zu den weichen Seiten des Menschen-gemüts, mit seinem betonten Eindringen in die Tiefen des Seelenlebens be-sonders zur Geltung bringt. Die christliche Ethik stellt selbst die Caritas, dieübernatürliche Gottes- und Nächstenliebe in den Mittelpunkt der sittlichen Ge-sinnung. Die himmlische Liebe, dieCharitas, ist ein von der Gnade verlieheneKraft, amorDei, amor spiritualis; ihr gegenüber steht in der geistig-sinnlichenRealität des Menschen die irdische Liebe als physische Naturgewalt, amormundi, amor carnalis. Die spirituelle Liebe, Charitas, ist eine der drei gött-lichen Tugenden (virtus), die natürliche Liebe, Cupiditas, ist eine Leiden-schaft (passio).

geknüpft sind. Lit: Burdach, Abhandl. d. problem I Reg. S. 495; Ders., 49. Philol.-Vers.

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Ranke, ZfdPh. 51, 130 f., Bebermeyer, DLz. lagen z.süßen neuen Stil", 1904; Burdach,

1926, 1653-55, Piquet, Revue germ. 1926 SB. d. Preuß. Ak. 1918 S. 1007 u. Vorspiel I,

S. 104, Wulloughby, Mod. Lang. Rev. XXI 1, 269; Schwietering, Anz. 45, 83. 85; Ders.,

Juli 1926, Kip, Journ. of Engl, and Germ. ZfdA. 61, 81; Günther Müller, Gradualis-

Phil. XXV, April 1926; Schneider, Festschr. mus, Dt. Vjschr. 1, 705-09; Brinkmann, Ent-

EhrismannS. 119-24; Walther Seehaussen, stehungsgesch. S. 29-34; Heyl S. 168 ff.;

Michel Wyssenherre, 1913, 76 ff.; v. Kraus, Heinz Pflaum, Die Idee der Liebe. Leone

Heinr. v. Morungen übersetzt S. 114-19; Fr. Ebreo, Heidelberger Abhandl. zur Philosophie

Bader, D.Lied u.d. Sage vom edlen Moringer, usw. Nr. 7, 1926; Heyl aaO. S. 168 ff.; Ph.

Bayerland 35, 1924, 142-47. LG. II, 2, 56 Aug. Becker. Vom christlichen Hymnus zum

Anm. 5. Minnesang, Histor. Jahrbuch d. Görres-Ge-

1 Vossler, Ventadorn S. 21 ff.; Ranke, Die sellsch. Bd. 52 H. 1, 1-39. 11, 145-77 u. SA.;Allegorie der Minnegrotte in Gottfrieds Tri- S. Singer, Die religiöse Lyrik d. MA.s (Dasstan, 1925, 35-37. Nachleben der Psalmen, 1933).

2 Uhland 5, 172-74; Wechssler, Kultur-