184 Die lyrische Dichtung
In der Liebeslyrik der Trubadur entfaltet sich ein traditionelles Schema fürdas Minnephänomen mit grundlegenden und ausweitenden Motiven, ein Sy-stem von Regeln, eine Minnelehre, Minnedoktrin, Minnetheorie. 1 WesentlicheBestandteile dieser Minnepsychologie und Minneethik sind schon in der Scho-lastik und Mystik, überhaupt in der geistlichen Literatur der Zeit vorbereitet,einzelne Vorstellungen sind aus Ovid entlehnt.
Verhältnis des deutschen zum provenzalischen Minnesang. Wiebei der Einverleibung des französischen höfischen Epos hat das deutsche Ge-müt auch die Stimmung der Liebeslyrik in seiner eigenen Geistesart erfaßtund in seiner nationalen Empfindungsweise erlebt. 2 Zwar die Grundformwurde festgehalten, die Minne als Frauenkult und Frauendienst, auch dieausstattenden Motive, in welche das Vorstellungs- und Gefühlsleben in derPoesie der Trubadur gekleidet ist, haben die deutschen Empfänger zum gro-ßen Teil übernommen. Der Unterschied besteht weniger im Stoff als in derStilisierung. Das Temperament der Provenzalen ist lebhafter, feuriger undkräftiger, die Ausdrucksweise affektvoller, dramatischer; sie lassen ihre per-sönlichen und heimatlichen Beziehungen, historische und landschaftliche An-spielungen mitschwingen und auch in ihrer Gefühlswelt stehen sie dem Lebenund seinen Realitäten näher. Die Äußerung des deutschen Lebensgefühls da-gegen erscheint noch mehr in die Hofsitte gebannt und gedämpft durch dieForderungen der feinen Lebensart. Stärker überwiegen die reinen, gestalt-losen Liebeslieder mit der Idealisierung der Frau oder mit der Reflexion überdas Minnephänomen. Darum ist die provenzalische Lyrik mannigfaltiger undabwechslungsreicher als die deutsche. Auch sind die Liebesverhältnisse derTrubadur viel durchsichtiger. Der Dichter enthüllt seine Persönlichkeit un-befangen, während aus den deutschen Minneliedern selten etwas für die wirk-lichen Schicksale ihrer Verfasser zu entnehmen ist; auch ist es Vorschrift, denNamen der Dame nicht zu nennen. 3
1 Theorie: Roethe, Reinmar S. 186 ff.; Veneris, Dt. Vjschr. 5, 37-64 pass.; Fr. W.
Ferd. Michel, Heinr. v. Morungen u. die Strothmann, D. Gerichtsverhandl. als literar.
Troubadours, QF. 38, 1880; Anna Luderitz, Motiv usw. 1930 S. 25 f.; Erich Bachmann,
Die Liebestheorie der Provenzalen bei den Studien üb. Everhard von Cersne, Berl. Diss.
Minnesingern der Stauferzeit, 1904; K. Heyl, 1891 S. 16-55 (Cersne hat den Tractatus amo-
Die Theorie der Minne in d. ältesten Minne- ris poet. bearbeitet).
romanen Frankreichs, 1911; Alex. Klein, Die 2 Wechssler, Esprit u. Geist, Versuch einerafrz. Minnefragen 1911; Emil Nickel, Studien Wesenskunde des Deutschen und des Fran-z. Liebesproblem bei Gottfr. v. Straßburg, zosen, 1927. — Selbständige Züge des dt.1927; Hennig Brinkmann, Zu Wesen und Minnesangs gegenüber dem provenzal.: Voss-Form mittelalterl. Dichtung, 1928. — Das um- ler, Vom süßen neuen Stil S. 10 ff.; Kluck-fassendste System einer Minnelehre hat An- höhn, ZfdA. 52, 135-49; v. Kraus, H. v. Mo-dreas Capellanus, Hofkaplan des Königs rungen S. 112 f.; Schneider, Heldendichtungvon Frankreich (spätestens 1220) aufgestellt, usw. S. 376-78.
Ausg.: E.Trojel, Kopenh. 1892; s. Wechss- 3 Die mhd. Minnesingernovellen, dieler, Kulturproblem I Reg. S.476; Wein- sog. Dichterheldensage, sind ganz andern Ur-Hold, Die dt. Frauen 2 , 1882, Bd. I, 274 f.; Sprungs als die provenzalischen BiographienHans Hofmann, Ein Nachahmer Hermanns der Trubadur, sie haben keinen oder nur ge-von Sachsenheim, Marburg. Diss. 1893 S. 47; ringen realen, biographischen Hintergrund,Heyl aaO. pass.; Klein aaO.; Singer, Fest- vielmehr bestehen sie aus verbreiteten Sagen-schrift Ehrismann S. 61-65; Baethgen, Rota motiven, die an die betreffenden Dichter an-