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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
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Ursprung des Minnesangs. Die provenzalische Liebesdichtung. Die Trubadur 183

Die mittellateinische Theorie 1 findet den Ausgangspunkt für denMinnebegriff und den Minnedienst in den lateinischen Huldigungsversen, diegeistliche Poeten an fürstliche Frauen richteten, die ihre sozialen und seeli-schen Grundbedingungen in der mittellateinischen Epistolographie, dem brief-lichen Verkehr von Geistlichen mit Nonnen haben. Doch kann diese Voraus-setzung allein die Entstehung der Trubadurlyrik nicht erklären, sie ist aberwertvoll, weil sie den engen Zusammenhang zwischen dem Minnesang undder mittelalterlich lateinischen Literatur betont.

Der Urgrund zum Trieb dieser neuen poetischen Herzensverkündigung mußin der Sache der südfranzösischen Sänger selbst gegeben gewesen sein, einepsychische Dynamik, die unserer Kenntnis verborgen bleibt. Die Macht dergeschichtlichen Tradition, die in der Schule gepflegte Bildung ist die notwen-dige Voraussetzung dabei, zu der vollendeten Formgebung wurden die Tru-badur von den lateinischen Dichtern erzogen, namentlich von Ovid. 2 Ovidwar nicht mehr allein Lehrer zum Lateinschreiben, sondern zum Erlernen derLiebe. Seine ars amandi gab die Theorie, wie in der Praxis zu lieben sei, undmythologische Beispiele für Liebesverhältnisse brachten die Heroiden. Mancheeinzelne Motive Ovids waren, durch die Schule vermittelt, Gemeingut derklassischen Bildung der Zeit, z. B. der Minnen Pfeil, Liebe als Krankheit undHeilung davon, Sterben vor Liebe, Schüchternheit in Gegenwart der Gelieb-ten, Fernliebe. 3

271 ff.; Georg Jacob, Arab. Berichte von Ge-sandten an german. Fürstenhöfen aus d. 9. u.10. Jh., Quellen z. dt. Volkskde H. 1, 1927,37 ff. (ein arabischer Gesandter singt einer nor-dischen Fürstin ein Minnelied vor); R. Erck-mann, D. Einfluß d. arab.-span. Kultur auf d.Entwicklung des Minnesangs, Dt. Vjschr. 9,1931, H. 2; Brinkmann, Entstehungsgesch.d. Minnesangs S. 13 ff.; Friedr. Neumann,ZfDeutschkde 1925, 89 f.; Günth. Müller,Dt. Vjschr. 5, 1927, 115 ff. Erik Rooth,Den provensalska Trubadurpoesiens upp-komst 0 gamla och nya teorier, Vetensk. Soc. iLundArsb. 1927 S. 1 ff.; Walth. Bücheler,Franz. Einflüsse auf d. Strophenbau u. die Stro-phenbindung bei d. dt. Minnesängern, Bonn.Diss. 1930, dazu Gennrich, Lbl. 1931, 150-52.1 Hennig Brinkmann, Neophilol. 9, 1923,49-60. 203-21; Ders., Gesch. d. lat. Liebes-dichtung im MA., 1925 (dazu Schwietering,Anz. 45, 77 ff.); Ders., Entstehungsgesch. d.Minnesangs, 1926 (dazu Schwietering aaO.,Günth. Müller, Dt. Vjschr. 5, 1927, 117 ff.,Ehrismann, Lbl. 1927, 403-6, Wocke, Eu-phorion 28, 1927, 621-24, Piquet, Rev. germ.17, 363-68, JB. 1926/27 S.304); J. J.A.A.Frantzen, Neophilol. 4, 1919, 358-71 u. Me-dedeel. K. Kkad. Amsterd. afdeel. Letterk. 53,1922, 249 ff.; Alfred Pillet, Zum Ursprungd. altprov. Lyrik, 1928, dazu Scheludko, Lbl.1930, 49-52; Scheludko, ZfrzSpr. 52, 1929,H. 1 ff.

2 Bartsch, Albrecht v. Halberstadt u. Ovidim MA., 1861 (s. LG. II, 2, 106); Herm.Unger, De Ovidiana in Carminibus Buranisquae dicuntur imitatione, Berl. Diss. 1894;Wilibald Schrötter, Ovid u. d. Trouba-dours 1908, dazu Vossler, Lbl. 1909, 63-65,Wechssler, Kulturproblem S. VIII-X; Ders.,ebda Reg. S. 481 unter Ovid; Vossler, Venta-dorn S. 121-43; Faral, Sources latines usw.;Burdach, SB. d. Preuß. Ak. 1918 Sp. 1015f.u. Vorspiel I, 1, 278 f.; Frantzen, Neophilol.4, 1919, 364-71; Günther Müller, Dt.Vjschr. 1, 1923, 64ff.; Heinr. Schulz, ZurGesch. d. ältesten dt. u. ndl. Bearbeitungenvon Ovids ars amatoria, Hamburg. Diss. 1924,Masch. u. Auszug; Schwietering, ZfdA. 61,61-82; Ders., Anz. 45, 77-90; Brinkmann,Gesch. d. lat. Liebesdichtung Reg. S. 105;Ders., Entstehungsgesch. Reg. S. 169; K.Strecker, Ovidianische Verskunst im MA.,Hermes 62, 1927, H. 2. Der unmittelbareEinfluß Ovids auf den dt. Minnesang ist ge-ring; auf Walther, Morungen s. Schwiete-ring, ZfdA. 61, 67 ff.

3 Die Forderung der Heimlichhaltung derMinne {tougen minne) wie die Klage über Ver-leumder und Aufpasser (merker) beruht aufgemeinmenschlichen Lebensvorkommnissen ;zum offiziellen Bestand der Minnetheorie mö-gen diese Motive dann durch den Einfluß vonOvids Liebeskunst geworden sein (huote ausOvid: Schwietering, ZfdA. 62, 68. 76).