182 Die lyrische Dichtung
Trubadur 1 sind die ersten Minnesänger im christlichen Abendlande. Siehaben dieser Liebeslyrik das System gegeben. Die äußeren, objektiven Be-dingungen, das Feudalwesen und die Hofsitte, und die inneren, subjektivender Geistesbildung waren historisch vorbereitet in den Zuständen Südfrank-reichs. Hier war alter Kulturboden, hier wirkte die griechisch-römische Bil-dung des Altertums ununterbrochen nach im Schulbetrieb (s. LG. II, 2, 16f.),stärker als im gallo-fränkischen Norden Frankreichs, wo der antike Einflußnicht so tief in das Volksbewußtsein eingedrungen war.
Die Dichter, die Trubadur (trobaire, Akk. Sing, trobador, von trobar finden,also eigentlich Erfinder von Liedern und Melodien), gehörten den verschie-densten Ständen an. Sie waren nicht selten vornehme Herren; in der Mehr-zahl freilich Hofdichter von Beruf und des Lebensunterhaltes wegen, alsoarme Ministerialen (ritterliche Dienstmannen). Vielfach waren sie jedoch auchniederer Herkunft, Bürgerliche und Fahrende (Spielleute, joglar), und selbstGeistliche. Die Zeit des provenzalischen Minnesangs erstreckt sich auf diezwei Jahrhunderte von etwa 1100 bis etwa 1300.
Die altfranzösische Kunstlyrik der Trouveres 2 (vgl. prov. trobaire,plur. trobadors) ist keine französische Schöpfung, sondern eine Nachahmungder provenzalischen Trubadurpoesie. Eigenartiger sind einige Gattungen spe-ziell französischen Ursprungs, kunstmäßige Fortbildungen des alten Volkstanz-liedes (s. unter „höfische Dorfpoesie"). Auf den deutschen Minnesang hat dienordfranzösische Lyrik im Verhältnis zur provenzalischen nur wenig eingewirkt.
Viel erörtert ist die Frage, ob der Minnesang auch in Südfrankreich ent-standen ist oder ob die provenzalischen Ritter die Anregung von außen be-kamen.
An den moslimischen Höfen Spaniens während des 9. bis zum 11. Jahr-hundert wurde die Dichtkunst eifrig gepflegt. Sie hatten ihre Hofdichter, dieFürstenpreis und Frauenhuldigung sangen. Auch vornehme Herren suchtendichterischen Ruhm zu erlangen. Diese arabische Liebeslyrik hat cha-rakteristische und nebensächliche Züge mit der Poesie der Trubadur gemein. 3
1 Lit. bei Alb. Stimming, Gröbere Grundr. d. afrz. Lit., 1905 u. ff. Kap. V u. XI, 1 u. 2;II 2 , 2, 1 ff. — Friedr. Diez, Die Poesie der Jeanroy, Les origines aaO.; Gaston Paris,Troubadours 1826, Leben u. Werke der Troub. Journ. des Savants 1891, 674 ff. 1892, 155ff.;1829. Aus der umfangreichen Lit. sei hier nur Faral, Recherches sur les sources latines desnoch verwiesen auf K. Vossler, Der Trobador contes et romans courtois, 1913; Heyl, Theo-Marcabru u. die Anfänge des gekünstelten rie d. Minne, Klein, Afr. Minnefragen s. oben.Stiles, Münchn.SB. 1913,11. Abh.; Ders.,Peire — Siehe Roman. Jahresber.
Cardinal usw., ebda 1916, 6. Abh.; Ders., D. 3 Konrad Burdach hat die für die Ge-Minnesang d. Bernh. v. Ventadorn ebda 1918, schichte des Minnesangs so bedeutungsvolle2. Abh.; F. Gennrich, Zur Ursprungsfrage des arabische Theorie durch eingehende Unter-des Minnesangs, ein literarhist.-musikwissen- suchungen begründet: Üb. d. Ursprung d. mit-schaftl. Beitr., Dt. Vjschr. 7, 187-228; Wal- telalterl. Minnesangs, Liebesromans u. Frauen-ther Suchier, Reallex. 2, 708-33 (Lyrik ebda dienstes, SB. d. Preuß. Ak. 1918 Nr. 45. 47 u.Markwardt, 310-23). — Siehe Roman. Vorspiel 1, 1, 253-333; ferner Singer, Arab. u.Jahresber. europ. Poesie im MA., Abhandl. d. Preuß. Ak.
2 Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche aaO. 1918 Nr. 13 u. ZfdPh. 52, 89-92 (zu BurdachS. 193 f.; Gröbers Grundr. II, 1, 659-85. u. Singer: W. Mulertt, Neuphilol. Mitteil.935-71; Voretzsch, Einführung in d. Studium 22, 1921, 1-25); J. Hell, Islamica II, 1926,