176 Die erzählende Dichtung
durchaus verschieden: das ahd. Hildebrandslied ist ein erschütterndes Schick-salslied, das mittelhochdeutsche ein humoristisch gefärbtes Unterhaltungs-stück. Zwischen dem ahd. stabreimenden und dem mhd. in achtzeiligenStrophen abgefaßten Lied liegen gewiß verschiedene verlorene Fassungen;unsere zwei gehören dem 13. Jahrhundert an (nach 1220). Sie unterscheidensich schon gleich äußerlich durch den Umfang: a das kürzere Gedicht, dasVolkslied, hat 20 Strophen, b das längere 29 Strophen; das längere ist eineErweiterung des kürzeren, die den Wortlaut oft beibehalten oder weniggeändert hat. Der Sohn heißt in a: „der jung her Alebrant", in b bloß„der junge".
Meister Hildebrand will gen Bern ausreiten; 32 Jahre hat er Frau Ute nicht gesehen. DerHerzog Amelung sagt ihm: der junge Herr Alebrant wird dich anrennen; auch Dietrich warntihn vor einem Zweikampf mit Alebrant. Als er zum Rosengarten ausreitet, wird er von einemjungen Helden — es ist Alebrant — angerannt; nach einer Trutzrede geht das unblutige Ringenlos, bei dem der Alte den Jungen ins Gras wirft. In dem folgenden Zwiegespräch enthüllt derJunge, daß seine Mutter Frau Ute heiße und Hildebrand sein Vater sei. Darauf das Erkennen.Der Junge führt den Vater nach Bern zur Mutter, wo die drei bei einem Mahle fröhlich zu-sammensitzen. — Das neun Strophen längere Gedicht ist erweitert dadurch, daß eine Episodevor dem Eintritt in das Vaterhaus eingeschaltet ist: Vater und Sohn führen einen Scheinkampfauf, wobei sie sich stellen, als ob der Junge den Alten besiegt hätte; er führt ihn gefesselt nachHaus; bei der Mahlzeit, die dadurch um einige Strophen erweitert ist, klärt der Junge denHergang auf.
Das kürzere Lied, a (20 Strophen) ist in vielen Drucken verbreitet gewesen(Müllenhoffu. Scherer, Denkm. S. 20 ff.); es ist ins Niederdeutsche über-tragen worden (Bartsch, Germ. 7, 284-91). Die Erweiterung, 29 Str. (b) istein Beispiel für die Methode, wie aus einem Lied ein Heldenepos geschaffenwird: 1 der Kampf wird einfach wiederholt; die Szenen (hier die Mahlzeit)werden verlängert, nicht inhaltlich bereichert.
Der Stil ist der des Volkslieds; Versmaß und Reime sind sehr gewaltsambehandelt, frei und oft unrein.
Zum Schluß sei noch hingewiesen auf eine Sage, die zwar keine Bearbei-tung in einem Liede gefunden hat, deren Inhalt aber häufig in den Dichtun-gen der Heldenepik berührt wird.
Denkmäler, 3. Aufl.,2 Bd. S.20ff.; Goedeke, 0. Oelsner, Zeit u. Zeitgeist im älteren u.
Grundr. I 2 , 249. — Abhandl.: W.Grimm, jüngeren Hildebrandslied, Zs. f. dt. Bildg. 7,
Heldensage S. 257 f.; Müllenhoff, ZfdA. 12, 1931, H. 3; Walter Anderson, Der Schwank
362 (Name); Edzardi, Germ. 19, 315-26. 20, vom alten Hildebrand, eine vergleichende
320 f. 21, 51-53; H. C. Boer, De liederen van Studie, Dorpat, Acta et commentationes Univ.
Hildebrand en Hadubrand, Verslagen en Me- Tart. 21, 1-23, 1, 1932; Naumann, Primitive
dedeel. d. k. Akademie, 4. R., Amsterdam Gemeinschaftskultur, 1921, S. 135 f.
1909; Schneider, ZfdA. 58, 125; Walther * Das kurze Lied, 20 Str., bei Uhland, Volks-
Kienast, Altes Hildebrandslied, Thidreks- lieder, Müllenhoff u. Scherer, Goedeke,
saga, junges Hildebrandslied, Archiv 144, Dt. Dichtung im MA., beginnt „Ich wilzu land
1923, 155-69; de Boor, Die nordische u. deut- außreiten"; das längere Lied, 29 Str., bei
sehe Hildebrandssage, ZfdPh. 50, 175-210; v. d. Hagen u. Primisser, in Wackernagels
Schneider, Festschrift Ehrismann 1925, 112 Lesebuch, Henrici, beginnt „Ich soltzu land
ff.; Heusler, Das alte u. das junge Hilde- ausreiten".brandslied, Preuß. Jahrb. 208, 1927, 143-52;