Die kleineren Heldenepen 161
Die Wolfdietrichfrage 1 ist sehr verwickelt, denn es gibt mehrere Fas-sungen des Gedichtes, deren Verhältnis zueinander nicht leicht zu lösen ist.
a) Wolfdietrich A. 2 606 Nibelungenstrophen (Hildebrandston), 16 Ab-schnitte, von denen die fünf letzten von einem geringeren Dichter sind.
Uf Kunstenobel ze Kriechen (Zu Konstantinopel in Griechenland) sitzt ein gewaltiger König,trefflich, ruhmvoll, tapfer, aber Heide; er heißt Hugdietrich, seine Frau ist die Schwester Bote-lungs von Hunnenland. Sie haben drei Söhne, alle nannte man Dietrich, der dritte wird wäh-rend eines Kriegszugs des Vaters geboren. Während desselben empfiehlt der König sein Reichdem Herzog Saben. Dieser aber ist ein treuloser Geselle, dessen Ränke das Schicksal des Königsbeeinflussen. Er verleumdet die Königin, als sie das dritte Knäblein gebiert; dieses sei ein Sohndes Teufels. Auf das Betreiben Sabens hin beschließt der König, den Knaben zu töten und be-auftragt damit den treuen Berchtung von Meran, der nur unter größtem Widerstreben dazuschreitet. Er führt den Knaben in den Wald. In der Nacht schart sich ein Rudel Wölfe um dasKind, ohne ihm etwas anzuhaben. Ob dieses Wunders um so mehr gerührt, beschließt Berch-tung das Kind zu retten und bringt es einem Wildhüter; dieser solle es für sein eigenes aufziehen;dazu schenkt ihm Berchtung einen Hof und ein Dorf und nennt das Kind Wolfdietrich (Str. 113.120). — Die Mutter erhebt große Klage, als sie am Morgen ihr Kind nicht findet; sie beschuldigtHugdietrich der Ermordung des Sohnes. Weiteres Intrigenspiel Sabens, der die Schuld aufBerchtung wirft. Doch vor Gericht stellt sich nach langen Umschweifen heraus, daß Saben, derdarauf verbannt wird, an allem Schuld ist. Hugdietrich stirbt. Saben kommt wieder zu Ehrenund verleumdet Wolfdietrich bei seinen beiden älteren Brüdern. Die Königin und Wolfdietrichwerden verstoßen und fliehen zu Berchtung. Berchtung und Wolfdietrich kämpfen gegen diebeiden älteren Brüder und Saben (Str. 336). Sechs von den 16 Söhnen Berchtungs fallen, Wolf-dietrich küßt die Toten in großer Liebe und will sich erstechen, aber Berchtung hält ihn davonab. Sie fliehen vor den Feinden nach Berchtungs Burg; dort werden sie von den Feinden vierJahre lang belagert. Wolfdietrich will ausziehen, um einen mächtigen Herrn zu suchen (Str. 413),dem er dienen kann und der ihm Hilfe leiste gegen seine Brüder; Berchtung weist ihn an KönigOrtnit von Lamparten. Schmerzlicher Abschied Wolfdietrichs von der Mutter und von Berch- .tung; er reitet durch das Heer der Feinde und weiter mehrere Tage lang unter Bestehung ver-schiedener Abenteuer. Am Gardasee angelangt, hört er auf einer Burg eine Frau jammervollklagen über den Tod ihres Gatten Ortnit. Er sucht nach dem Wurme und findet seine Höhle.Mit einem Gebet Wolfdietrichs schließt die Ambraser Hs. Die Fortsetzung steht in der Bear-beitung der Dresdener Hs. 103 (Str. 108), die auch eine Bearbeitung des Ortnit enthält. Es istein wirrer Knäuel von Abenteuern, Wolfdietrich erschlägt den Drachen, begräbt Ortnit; Aben-teuer bei einem Sarazenen, den er beim Messerwurf tötet; Abenteuer mit Riesinnen; er kehrtnach Lamparten zurück und vermählt sich mit Ortnits Witwe. Zug gegen Konstantinopel undEroberung; er schmiedet seine Brüder in Fesseln und läßt Saben rädern; nach zwölfjährigerEhe geht er ins Kloster, wo er noch einen Kampf mit Teufeln aufnimmt und dann stirbt.
b) WolfdietrichB. 3 Wolfdietrich von Salnecke (Saloniki), behandelt König
Hugdietrichs Brautfahrt.
Hugdietrichs Vater, König Antzius von Griechenland, übergibt sterbend den jungen SohnHugdietrich in die Hut des treuen Herzogs Berchtung von Meran. Als Hugdietrich heiraten will,rühmt ihm dieser die schöne Hildburg, die Tochter des Königs Walgund zu Salnecke; aber der
Reallex. 2, 136. — Stellen, Textkrit.: C. -42, Piquet, Rev. crit. 75, 186.
v. Kraus, Vorschläge zum Wolfdietrich A, 1 H. Schneider, Die Gedichte u. die Sage
Festschr. Leidinger, 1930, 135^44; Zingerle, von Wolfdietrich, Untersuchungen üb. ihre
Germ. 7, 101 ff. u. ebda 17, 207f.; Schröder, Entstehungsgeschichte, 1913.
Zum Ambraser Wolfdietr., ZfdA. 68, 274. — 2 In der Ambraser Hs., wie Ortnit, hgb.
Stil: Waldemar Lehnerdt, Die Anwendung Amelung, Deutsches Heldenb.3,1871,79-163.
der Beiwörter in den mhd. Epen von Ortnit u. 3 Ausg.: Jänicke, Dt. Heldenbuch 3, 1871,
Wolfdietrich, 1910, dazu Lunzer, Anz.36, 39 S. 165-301. — Zeit um 1225.
ii Deutsche Literaturgeschichte IV