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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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150 Die erzählende Dichtung

Roman Apollonius von Tyrus. II. Die Hildesage ist in verschiedenenFassungen überliefert. Außer in der deutschen Gudrun in der altnordischenprosaischen Edda des Snorre Sturluson. 1 Hagen nord. Hogni, Hilde = Hildr,Hetel = Hedin. Der Schluß ist mythologisch. Auf einer Insel findet zwi-schen dem Vater und dem Räuber der Tochter ein Kampf statt, der denganzen Tag über währt; in der Nacht erweckt Hildr die Toten auf der Wal-statt, am andern Tag beginnt der Kampf wieder, und so geht es fort biszur Götterdämmerung. Hildr ist eine Walküre, eine Schlachtjungfrau; derKampf, die Geisterschlacht, heißt der Hjaäninge-vig, der Hegelinge-Kampf.Nordische Quellen für die Sage sind auch Ragnardräpa, Lobgedicht auf Kö-nig Ragnar LoSbrök; und Sorla pättr, eine Sage des 14. Jahrhunderts.

Auch Saxo Grammaticus 2 in seiner dänischen Geschichte erzählt um1200 von dem Kampf des Haginus und Hithinus um Hilda auf der InselHithinse, das ist Hiddensee (= Hedins 6, Hedins Aue, Hedins Eiland).

Wanderung der Hilde-Sage: Sie ist entstanden in den östlichen Küsten-ländern Nordalbingiens, bei den Rugiern (Rügen), wanderte von dem heuti-gen Schleswig-Holstein mit den Angeln nach England (ags. Vidsicf, DeorsKlage, s. unten) und kam durch dänische Wikinger zu den Niederfranken(Wülpenwerd, Scheidemündung). DieGeisterschlacht" findet nach derdänischen Sage auf Hiddensee (der heutigen Insel Hiddensöe, unmittelbarwestlich neben Rügen), nach der niederländischen Sage auf dem Wülpen-sande oder Wülpenwerde statt. Hetels Reich umfaßte nach Str. 208 Diet-mers (Dietmarschen), Friesen (Friesland), Wäleis (von dem Flußnamen Waalin Holland abzuleiten), Dänemark, Niflant (Nebelland?) oder Niflant (Liv-land) eine phantastische Geographie. Die Gudrunsage ist Abkömm-ling und Weiterbildung der alten Hildesage.

Personen und Charaktere. Die Personen des Gedichtes: l.Die Irlän-der: Hagen. 2. Die Hegelinge: Hetel, Hilde, Gudrun, Ortwin, Wate, Fruote,Horand. 3. Von Seeland: Herwig. 4. Die Normannen: Ludwig, Gerlind, ihrSohn Hartmut.

Auf die Ausprägung der Charaktere ist große Sorgfalt verwendet. Sie stel-len sich im einzelnen folgendermaßen dar: Hagen führt Beiwörter wie derwilde, der küene und wird välant aller künege genannt, was auf seine Wildheithindeutet. Doch der Dichter hat eine dem Guten zugeneigte Denkweise, undso schildert er den wilden Hagen als guten Familienvater. Hetel ist alsreicher, mächtiger und tüchtiger König gezeichnet. Hetels Mannen:Fruote ist seinem Namen entsprechend ein kluger Ratgeber. Er gehört derdänischen Sage an, war König von Dänemark, im Gedicht ist er aber VasallHetels. In der mhd. Literatur ist er ein Typus der Freigebigkeit (2 Stro-phen beim Spervogel-Anonymus, MF. 25, 19 f.) Horand bildet ein Gegen-

1 Altnordisch: Piper S. VI ff. LXVI ff. 2 Piper S. XI-XIV. LXVIII ff.; Symons 2

CXXXIV;Symons 2 S.XI-XXXIV.XXXVIII S. XXIII-XXVII u. ö.; v. d. Leyen, Deut-

-XL; Schneider, German. Heldensage I sches Sagenbuch II. Teil, 2. Aufl., 1923, 320 f.265 ff.