Gudrun 149
heftig und Ortrun fleht Gudrun an, den Kampf zwischen Wate und Hartmut zu beenden; Her-wig unternimmt es auf Bitten Gudruns hin, die beiden zu trennen, wird aber, von dem toben-den Wate niedergeschlagen, von seinen Mannen wieder gerettet; Hartmut wird gefangen ge-nommen.
Av. 29 Str. 1494-1560. Wate wütet in der eroberten Burg, Gerlind wird getötet; die Hege-linge verheeren das ganze Land und mit den befreiten Frauen kehren sie nach Hegelingen zu-rück. Hartmut und Ortrun werden mit anderen Gefangenen auf das Schiff gebracht.
Av. 30 Str. 1561-1666. Zu Frau Hilde werden Boten vorausgesendet mit der frohen Kunde;Hildes Glück über die Wiederkehr ihrer Tochter. Sie nimmt auch Ortrun freundlich auf. Hart-mut wird von den Fesseln befreit und Hildeburg ihm als Braut empfohlen, Ortrun dem Ort-win; Siegfried der König von Morland wird mit Herwigs Schwester verlobt.
Av. 31 Str. 1667-95. Glänzendes Fest, vierfache Hochzeit. Hartmut und Hildeburg kehrennach Ormanie zurück.
Av. 32 Str. 1696-1705. Der König von Morland und Ortwin kehren mit ihren Frauen heimGudrun nimmt Abschied von ihrer Mutter und zieht mit Herwig in sein Land.
Zusammenfassende Übersicht und Motive. Die drei Teile des Gud-runlieds 1 sind genealogisch miteinander verbunden und auf alten Erzählungs-motiven begründet. I. Erste Generation Hagen (Av. 1^1): Hagens Eltern(von Ormanie), seine Entführung durch Greifen, seine Vermählung mitHilde von Indien, Geburt der jungen Hilde. Motiv: Greifensage. Die Hagen-geschichte ist freie Zutat des Dichters und gehört nicht zu der ursprünglichenHilde-Gudrun-Sage. — II. Zweite Generation Hilde (Av.5-8): Entführungder Hilde durch Hetels Helden Wate, Fruote und Horand; Horands Wer-bung für Hetel; Kampf zwischen Hagen und den Hegelingen; Versöhnung,Hetels Hochzeit mit Hilde. Das Motiv der Hildesage ist die Brautraubsage,ein Thema der Spielmannsdichtung, der alte Sagenstoff der Hilde-Gudrun-Sage. — III. Dritte Generation Gudrun, die Tochter von Hetel und Hilde,wird mit Herwig von Seeland verlobt; Abweisung Hartmuts; EntführungGudruns durch Hartmut; Kampf auf dem Wülpensand — dieser ist an derScheidemündung gedacht — zwischen Hartmut und Hetel 2 (Normannen undHegelingen); 3 Hetel fällt; Gudruns Gefangenschaft bei den Normannen, ihreBefreiung und Heimkehr. Motive der Gudrunsage sind die Brautraubsageund die Nebenbuhlersage (Herwigsage). Die Gudrunsage ist also eine Erwei-terung der Hildesage durch die Nebenbuhlersage. In der Disposition des gan-zen Gedichtes bilden die Hagengeschichte und die Hildedichtung eigentlichdie Vorgeschichte zum III. Teil, der Gudrun; dieser dritte Teil ist das Zielder ganzen Erzählung. — Der Name Gudrun ist niederdeutsch; ursprüngl.*Gunprün > Güprün, hd. Küdrün; ursprüngl. hd. wäre *Gundrün.
Ursprung der drei Sagenkreise. I.Hagen. Die Greifensage ist orien-talischen Ursprungs, angelehnt an das Gedicht vom Herzog Ernst und den
1 Die drei Sagenkreise: Piper S. IV ff.; Sy- (wülpe: ein Strandvogel).
mons, Ausg. 2 S. IX ff.; die Sagenzüge und Ur- 3 Hegelinge sind ursprüngl. das Volk u. Ge-
sprung derselben: Panzer, Hilde-Gudrun schlecht Hagens, = Haganinga, durch Dissi-
S. 250-448. milation von n zu l: Hegelinge, Schröder,
2 Symons, Ausg. 2 S. XLIII. — Schröder, ZfdA. 65, 254-56. 66, 14 (schon Much, ZfdA.Wülpenwert u. Wülpensand, ZfdA. 43, 303 f. 57, 156 Anm.).