Gudrun 147
Gudrun die Treue der Braut, die die ärgsten Demütigungen erträgt und demGeliebten treu bleibt. Kommt man vom Nibelungenlied zur Gudrun, so istes wie aus glühend verzehrendem Sonnenbrand in den beruhigenden Monden-schein.
Das Gedicht ist verfaßt um 1210-20, nach dem Nibelungenlied, das dieVoraussetzung der Gudrun bildet, nach der Klage und nach Wolframs Par-zival; doch scheint schon ein älteres Gedicht, im 12. Jahrhundert, bestandenzu haben, aus dem das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht schöpfte. DieHeimat des Gedichtes ist, wie die des Nibelungenliedes, der Klage, desBiterolf, das bayrisch-österreichische Sprachgebiet, wohl dessen österreichi-scher Teil. Der Verfasser war ein österreichischer Fahrender.
Das Gedicht ist in einer einzigen, zudem sehr jungen Handschrift über-liefert: in der Ambraser Hs. in Wien (Ambraser Heldenbuch), die auf BefehlKaiser Maximilians von dem Zolleinnehmer am Eisack in Bozen Hans Ried1502-15 nach einer Vorlage vom Anfang des 13. Jahrhunderts, dem Helden-buch an der Etsch, einer Sammelhandschrift, geschrieben wurde. 1
Inhalt: 32 Aventiuren, 1705 Strophen. Die Erzählung zerfällt in drei Teile: I. Hagen, Av.1-4. Av. 1 Str. 1-66. Sigebant, König von Irland, vermählt sich mit Uote, der Tochter einesnorwegischen Fürsten, ihr Sohn ist Hagen, der siebenjährig von einem Greifen entführt und indessen Nest gebracht wird.
Av. 2 Str. 67-113. Eines der Greifenjungen fliegt mit dem Knaben auf einen Baum, läßt ihnaber fallen. In einer Höhle findet der Knabe drei früher ebenfalls von dem Greifen geraubteJungfrauen. Der Greif kommt wieder herangeflogen, aber Hagen tötet ihn und seine Jungen.Er zieht mit den drei Jungfrauen ans Meer; sie werden von einem Pilgerschiff aufgenommen.
Av. 3 Str. 114-150. Der Herr des Schiffes, der Graf üz Garadie, der mit Hagens Vater verfein-det ist, will Hagen als Geisel behalten, aber dieser wirft dreißig seiner Leute ins Meer. Er zwingtdie Schiffsleute, nach Irland zu fahren und sendet Boten voraus, seinen Eltern seine Ankunft zumelden.
Av. 4 Str. 151-203. Hagen vermählt sich mit einer der drei Jungfrauen, Hilde von Indien,und übernimmt die Herrschaft. Hilde gebiert eine Tochter, die ebenfalls Hilde genannt wird.Als sie erwachsen ist, werben viele Fürsten um sie, aber Hagen läßt die Boten aufhängen.
Teil II: Hilde, Av. 5-8. Av. 5, Str. 204-371. König Hetel von Hegelingen, der von HildensSchönheit vernommen, sendet drei seiner Helden, um um sie zu werben, Horant, Fruote vonDänemark und Wate von Sturmland. Sie geben sich für Kaufleute aus, die von Hetel vertriebenseien; Wate zeigt seine Fechtkunst. J
Av. 6 Str. 372-439 „wie suoze Horant sanc". Eines Abends singt Horand so schön, daß alledarüber entzückt sind. Die junge Königin läßt ihn heimlich kommen, wobei er Hetels Werbungausrichtet. Die vermeintlichen Kaufleute bitten Hagen, mit der Königin und seiner Tochterdie Waren auf ihren Schiffen zu besehen.
Av. 7 Str. 440-486. Während der König ein Lastschiff betrachtet, segelt das Hauptschiff mitder jungen Hilde ab. Sie landen auf Waleis in Hetels Gebiet und werden festlich empfangen.
Av. 8 Str. 487-562. Hagen verfolgt sie zu Schiffe, landet in Waleis und kämpft mit Hetel.Er gerät durch Wate in große Bedrängnis, Hetel befreit ihn auf Hildes Bitte und Wate stilltdie Wunde Hagens. Versöhnung Hagens mit Hetel; Hetels Hochzeit mit Hilde.
Teil III: Gudrun, Av. 9-32. Av. 9 Str. 563-586. Hilde gebiert einen Sohn Ortwin und eineTochter Gudrun. Der König Siegfried von Morland wirbt vergeblich um diese.
1 Piper, Ausg. S. XLVI f.; Symons, Ausg. 2 denbuch: Schneider, Merker-Stammler, Real-S. LXXIII, beide mit Lit. — Ambraser Hei- lex. 1, 478 f.