Die Klage 143
Schluß
Der poetische Wert des Nibelungenliedes ist ungleichmäßig. Dem Dichterdes Leseepos lagen schon ältere Schichten vor, hatte es doch eine schon Jahr-hunderte alte Vorgeschichte. Es gelang dem Dichter nicht — und es war wohlüberhaupt unmöglich —, die verschiedenen Teile der Überlieferung zu einervölligen Einheit zu verschmelzen und einen Aufbau zu gestalten, dessen Glie-derung ebenmäßig verlief. So hat der erste Teil (Kriemhild-Sigfrid) hem-mende, gedehnte Szenen wie den Sachsenkrieg, während der zweite Teil (dieKämpfe im Burgundenuntergang) dramatisch belebt ist. Die Tragik des zwei-ten Teils wird eingeleitet durch friedliche Szenen, welche einen wirkungsvollenGegensatz bilden gegen das dann anhebende Verderben: die Freundschaft inBechelaren (Av. 27), Volkers Saitenspiel, das den Helden die Ruhe des Schla-fes bringt (Av. 30), der Kirchgang (Av. 31). Erst dann beginnt das Gemetzel.
b) DIE KLAGE
Literatur. Ausgaben: Bodmer, Chriemhilden Rache u. die Klage, 1757 (s. oben); LLS.Bd. IV, 1846, 579-710; 0. F. H. Schönhuth, Die Klage sammt Sigenot u. Eggenlid nachdem Abdruck der ältesten Hs. des Freiherrn Jos. v. Laßberg, hgb. 1839; Lachmann, Der Nibe-lunge Noth u. die Klage, 1826, u. weitere Ausgaben; Lachmann, Zu den Nibelungen u. zur KlageAnmerkungen, 1836 ff.; Al. J. Vollmer, Der Nibelunge Not u. die Klage, 1843; Fr. H. v. d. Ha-gen, Die Klage, Schlußgesang des Nibelungenliedes in der alten, vollendeten Gestalt, hgb. 1852;Ad. Holtzmann, Die Klage in der ältesten Gestalt usw., 1859; Bartsch, Die Klage mit denLesarten sämmtlicher Hss., hgb. 1875; Ant. Edzardi, Die Klage mit vollständigem kritischenApparat u. ausführlicher Einleitung, hgb. 1875 (dazu R. Henning, Anz. 1, 138-49, Entgegnungdarauf Edzardi, Germ. 21, 235-48, gegen Edzardi: R. v. Muth, Zu der Nibelungenhs. d, ZfdA.21, 87 f., desgl. R. v. Muth, ZfdA. 22, 75-77, Edzardi, Entgegnung u. Berichtigung, Germ. 23,251-53, desgl. Zarncke, ZfdA. 22, 316-19); Piper, Die Nibelungen, erster Teil, Einleitung unddie Klage (Ausg.), Kürschners Dt. Nat.-Litt. 6. Bd., o. J. (1889).
Übertragungen ins Nhd.: v. d. Hagen 1852; Ostfeller 1854.
Abhandlungen: W. Grimm, Heldensage S. 108-19. 155 f.; E. Sommer, Die Sage von denNibelungen, wie sie in der Klage erscheint usw., ZfdA. 3, 193-218; Max Rieger, Zur Klage,ebda 10, 241-55; A. Edzardi, Über das Verhältnis der Klage zum Biterolf, Germ. 20, 9-30;R.v. Muth, Beiträge z. dt. Philologie, Jul. Zacher dargebracht 1880, 274-76; Kettner, Nibe-lungenlied und Klage, ZfdPh. 17,390^110; J. Bieger, Zur Klage, ebda 25, 145-63; Schönbach,Das Christentum in der ad. Heldendichtung, 1897, 57-107; Plaehn, Untersuchungen über dieEntstehung der Klage u. des Biterolf, Progr. Altenburg 1898; Wilhelm, Über fabulistischeQuellenangaben, Beitr. 33, 331 f.; Wilhelm, Nibelungenstudien I, Über die Fassungen B und Cdes Nibelungenliedes u. der Klage, Münchn. Arch. H. 2, 1918; H. Fischer, Verhältnis vom Nibe-lungenlied zur Klage, SB. d. bayer. Ak. 1914, Nr. 7; Vogt, Zur Geschichte der Nibelungenklage,Festschr. zur 52. Philologenvers, zu Marburg 1913; Jos. Körner, Die Klage u. das Nibelungen-lied, 1920; Leitzmann, Nibelungenklage u. höfische Dichtung, ZfdA. 61, 49-56; H. Bork, Nibe-lungenlied, Klage u. Waltharius, GRM. 15, 395^115; Schröder, Zur Klage, ZfdA. 70, 66 f.;Leicher, Die Totenklage in der dt. Epik von der ältesten Zeit bis zur Nibelungen-Klage, Germ.Abh. 58, 1927, 134-60. — Siehe LG. II, 2, 222.
An das Nibelungenlied schließt sich unmittelbar an, gleichsam als Fort-setzung, das Gedicht „Die Klage". Es sagt von sich selbst: Ditze liet heizetdiu klage V. 4322. Zu verstehen ist die „Klage" aus der germanischen Toten-feier, bei welcher Kultus und Sitte geboten, dem Dahingeschiedenen Klage-