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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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136 Die erzählende Dichtung

Bei Kriemhilds Rachetat wirkt außer der Treue und Liebe zu Sigfrid nochein wichtiges Motiv aus dem Sagenbestand mit, nämlich der Hort, die alteHortsage. Als allgemein menschliches Schicksal zunächst erfüllt sich hier derFluch, der am Golde haftet; aber speziell unter den Kulturbedingungen derdamaligen Zeit ist das Gold das Symbol der Macht, ja überhaupt das Mittelzur Macht, und aus diesem Grunde wird der Schatz für die Fürsten unent-behrlich.

In der nordischen Fassung, in den Eddaliedern, ist an Stelle der Schicksals-idee die Mythologie, die Göttersage getreten und als Abschluß eine rein poli-tische Berechnung (Tötung der Burgunden durch Atli ihres Schatzes wegen).Schließlich gerechte Vergeltung, ausgeübt von der Schwester der gemordetenBrüder und Stammesgenossen durch die Tötung des Mörders). Es vollziehtsich hier alles viel mehr der Wirklichkeit gemäß.

Auf der Treue also sind die Charaktere aufgebaut. Die Treue ist bei denGermanen das unverletzliche Band zwischen dem Herrn und dem Unter-gebenen; die Mannentreue, die Vasallentreue ist die Grundlage der sozialenOrdnung. Treue ist der Keim des schuldvollen Verderbens: Hagen vollbringtden Mord aus Treue zu seiner beleidigten Königin, und durch seine imganzen Lied bewiesene Mannentreue tritt er uns auch menschlich näher. Diesympathischste Gestalt des ganzen Gedichtes ist Rüedeger; er fällt im Wider-streit zweier Pflichten: aus Pflicht gegen seine Herrin Kriemhild muß er mitseinen Freunden den Todeskampf bestehen, Mannentreue geht vor Freundes-treue. In anderer Form tritt die Treue bei Kriemhild als Treubund unddamit als ethisches Grundmotiv des ganzen Liedes auf. Die Freundestreueaber findet ihr leuchtendes Beispiel in der Beziehung von Hagen und Volkerzueinander.

Die nordische Gestalt der Nibelungensage 1

Die nordischen Quellen sind: 1. In erster Linie die Lieder-Edda (etwa850-1050, gesammelt um 1240), 14 Lieder, die von dem Inhalt handeln,der in unserm Nibelungenlied erzählt ist, von Sigurd (Sigfrid), Gudrun(Kriemhild), Atli (Attila, Etzel). 2. Die prosaische Edda des Snorri Sturluson(um 1220). 3. Die Wolsungasaga (um 1260), die zumeist auf alten nordischen

1 Uhlands Schriften 1,1865, 80-88.452-55; dem Altisländischen übersetzt u. bearbeitet,J. Grimm, Jönakr und seine Söhne, ZfdA. 3, 1892; Heusler, Die Lieder der Lücke im Cod.151-58; A-. Raszmann, Die Niflungasaga u. reg. der Edda, Festschr. Paul 1902; Eug.das Nibelungenlied, 1877; Ders., Wodan u. die Mogk, Gesch. der norweg.-isländ. Lit., 2.Aufl.Nibelungen, Germ. 26, 279-310; Wilh. Mül- 1904 u. Pauls Grundriß 2 ; Golther, Nordischeler, Siegfried u. Freyr, ZfdA. 3, 43-53; Ant. Literatur-Geschichte I.Teil, Samml. GöschenEdzardi, Die Sage von den Wälsungen u. Ni- 1905 (mit Lit.); Holz, Der Sagenkreis der Ni-belungen, aus der altnord. Völsungasaga frei belunge, 1907, S. 1-95; Heusler, Die gelehrteübertragen, 1880. 1881; Golther, Üb. d. Ver- Urgeschichte im altisländischen Schrifttum,hältnis der nordischen u. deutschen Form der Abh.d. Preuß.Ak. 1908u. SA.; Gust.Neckel,Nibelungensage, SB. d. kgl. bayer. Akad. der Beiträge zur Eddaforschung mit Exkursen zurWissensch. 18, IL Abt., 1888, S. 439-500; Heldensage, 1908; Axel Olrik, NordischesDers., Die nord. Volkslieder von Sigurd I. II, Geistesleben in heidnischer u. frühchristlicherZfvglLitGesch. N. F. 2, 1889, 205-12. 269-97; Zeit, übertragen von W. Ranisch, 1908; Pan-Karl Kügler, Nordische Heldensagen aus zer, Stud. z. german. Sagengesch. II, Sigfrid