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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Das Nibelungenlied 135

Der höfische Einschlag

Daß das Lied für höfische Kreise bestimmt war, das kommt auch in dendargestellten gesellschaftlichen Formen zum Ausdruck. Vieles erinnert an diehöfischen Epen: Verfeinerte Sitten im Verkehr, glänzende Feste, Buhurt undTanz; besonders der Minnedienst ist ein Motiv, das dieses Heldenepos in diehöfische Umwelt zieht. Gleich der Eingang gibt diese Stimmung wieder, undoft wiederholen sich ähnliche Formeln wie: er leit ouch von ir minne dickemichel arebeit 137, 4, wan daz in twanc ir minne: diu gab im dicke not 324, 3(weitere Stellen s. J.Körner, Nibelungenlied S. 113), ja die ganze Tragikdes Liedes wird durch die Minne verursacht. Doch hat sich vieles Altepische,viel Herbes und Grausiges nicht ausrotten lassen; sonst wäre der Inhalt we-sentlich umgestaltet worden. So ist Sigfrid zwar der höfische Minnewerber,aber ganz unhöfisch wirkt sein protziges Auftreten gegen Günther, dem erbeim ersten Eintritt am Wormser Hof sein Land abfordert (Av. III) ; was imalten Liede ein Ausfluß seines Heldenmutes war, wird jetzt eine Beleidigung desfreundlichen Gastgebers. Recht unhöfisch klingt auch, wenn gesagt wird, daßSigfrid Kriemhilden den lip ... zerblouwen hat (Str. 837). Unhöfisch ist auchWie die küniginne ein ander schulten u Av.XIV; aber wie konnte dieser Vor-gang, der doch die ganze Katastrophe herbeiführte, umgangen werden? Höfi-scher Sitte nicht gemäß sind gleichfalls Brünhilds Kampfspiele und so vielesandere, überhaupt der ganze zweite Teil, in dem Kriemhild zur vdlandinnewird. Hier tritt das Heidnische stark in den Vordergrund, während überhauptdas Christliche keine eingreifende Rolle spielt, obwohl das offiziell Kirchlichebeobachtet wird.

Die sittliche Idee 1

Folgerichtig und schicksalsgemäß entwickeln sich die Taten und Ereignisse.Es ist ein Schicksalsbild, wie es eine alte, rohe Sage gestaltet hat, in der diestärksten Leidenschaften ungebändigt sind, Liebe und Haß sind die Trieb-kräfte des Handelns. In unserm Gedichte ist die in der Zeit der höfischenBlüte herrschende Kultur mildernd darüber geglitten.

Das Schicksal als führende Idee des Gedichtes tritt deutlich in Gestalt vonSchuld und Sühne hervor; die Schuld der Burgunder liegt im Mord Sigfrids,die Sühne in ihrem Untergang, die Schuld Kriemhilds in der Vernichtung deseigenen Geschlechtes und ihre Sühne in ihrem Tod. Kriemhild kommt zu ihrerVernichtungstat durch Treue zu Sigfrid; die Treue aber ist die größte Schick-salsmacht der Germanen. Die aus Treue geborene Rache erzeugt das tragischeGeschick, aber auch die Möglichkeit zur Versöhnung mit dem Ungeheuer-lichen beim Gesamteindruck.

1 Lit. zur Ethik. Außer den aufgezählten die Entstehung des Romans, 1919, 24-26;

Abhandlungen" sind speziell zu nennen: Al- Friedr. Neumann, Schichten der Ethik im

bert Klapp, Das Ethische im Nibelungen- Nibelungenlied, Festschr. Mogk 1924, 119-45.

liede, 1873; J. Stuhrmann, Die Idee u. die Karl Helm, Schicksal u. Heldentum, Mar-

Hauptcharaktere der Nibelungen, 3. Aufl., burger Rede 1926.1910; Singer, Die Wiedergeburt des Epos u.