130 Die erzählende Dichtung
gegen Lachmanns Nachtreter", womit hauptsächlich K. Müllenhoff („Zur Geschichte derNibelunge Not" 1855 und „Die alte Dichtung von den Nibelungen I, Von Sigfrids Ahnen",ZfdA. 23,113-73, dazu Sijmons, Lbl. 1880,49-53) gemeint war. In derselben Zeit vertrat Fried-rich Zarncke „Zur Nibelungenfrage" (1854) die gleiche Ansicht und erhärtete sie durch seine„Beiträge zur Erklärung und zur Geschichte des Nibelungenliedes" in den Berichten d. sächs.Akad. der Wissensch. 8, 1856, 152-260. Diese Erklärung des Nibelungenliedes als eines seinerEntstehung und Form nach einheitlichen Epos nahm auch Karl Bartsch in seinen „Unter-suchungen über das Nibelungenlied" (1865) auf, und nun hatte die „Einheitstheorie" über die„Liedertheorie" Lachmanns gesiegt. Eine sorgfältige Prüfung von Bartschs „Untersuchungen"stellt Herm. Paul an in seinem Aufsatze „Zur Nibelungenfrage", Beitr. 3, 373^90.
Die Liedertheorie hängt aufs engste zusammen mit der Frage nach dem Verhältnis zwischenLiedundEpos. (W. P. Ker, Epic and romance, 1897; Panzer, Lied u. Epos in german. Sagen-dichtung, DLz. 1908, 134-39; Roethe, Nibelungias u. Waltharius, SB. d. preuß. Ak. 1909,649-91; Heusler, Lied u. Epos in germanischer Sagendichtung, 1905, dazu u. a. Seemüller,Anz. 34, 130-35; Heusler, Heliand, Liedstil u. Epenstil, ZfdA. 57, 1-48; Ders., Das Nibe-lungenlied u. die Epenfrage, Internat. Monatsschrift, f. Wissensch., Kunst u. Technik, 13. Jahrg.,1918, 96 ff. 224 ff.; Ders., Unsere Stellung zu Lachmanns Nibelungentheorie, Forschungen u.Fortschritte 5, 1929, 383 f.; H. Schneider, Das mhd. Heldenepos, ZfdA. 58, 97 ff.; Heusler,Die Epenfrage u. unsere Nibelungen, Münchn. Neueste Nachr, 26. Jan. 1931.) Es ist damit einWechsel im Stil verbunden. Die kurze Liedform ist germanisch (z. B. Hildebrandslied, Edda);das Epos verläuft in längerer Erzählung. Es erhebt sich die Frage: wie entsteht aus dem Lieddas Epos? Entweder durch Zusammenfassung mehrerer Lieder (Sammeltheorie, LachmannsNibelungentheorie) oder es wird von vornherein durch ausführlichere Behandlung (Beowulf,das erste Leseepos) die Komposition des Themas umfassender angelegt. Liedhafte Knappheitund epische Breite stehen sich gegenüber; auf der einen Seite ein gedrungener, andeutender,springender Stil, die liedhafte Knappheit, auf der andern Seite ein gemächlicher, verweilender,ausmalender Stil, die epische Breite (Heusler, Lied u. Epos S. 22).
Zeit der Entstehung des Nibelungenliedes
Das verlorene Original unserer beiden Bearbeitungen, Not (AB) und Lied (C),entstand im 12. Jahrhundert (etwa 1160) und war noch in unreinen Reimenabgefaßt. Als Reinheit der Reime in der mittelhochdeutschen Literatur Er-fordernis geworden war, wurde es am Anfang des 13. Jahrhunderts in genaueReime gebracht (Bartsch, Große Ausgabe S. XVII f.). Die chronologischenBeziehungen zu Wolfram sind nicht ganz klar: Azagouc und Zazamanc stam-men doch höchst wahrscheinlich aus Parzival, dagegen ist Rumoldes Rat imParzival wohl aus den Nibelungen. 1
Der Name des Verfassers ist im Liede nicht genannt und überhauptnicht überliefert. 2 Das Lied entstand in Österreich; denn es zeigt genaueKenntnisse dieser Gegend, und es war für die höfische Gesellschaft bestimmt;zunächst mochte dabei der bischöfliche Hof in Passau (Wolfger von Ellen-brechtskirchen, 1191-1204 Bischof von Passau) und der herzogliche in Wienins Auge gefaßt worden sein. Der Bischof Pilgerin von Passau wird in den
1 Wilhelm, Nibelungenstudien I, Münch. hielt den Kürenberger für den Verfasser, s.Archiv. 7, 1916: Rumoldes Rat kann eine auch Bartsch, Kleine Ausg. Einleitung u.sprichwörtliche Redensart sein, beweist also Liederdichter, 4. Aufl. besorgt von Golthernichts für die Priorität des Nibelungenliedes 1901 S. XXXIII; Vollmöller, Kürenberg u.vor Parzival. die Nibelungen, 1874; Heusler, Neues üb. die
2 Pfeiffer, Freie Forschung, 1867, 1-52, Nibelungen, Der Türmer 26, 1924, 594-98.