Das Nibelungenlied . 123
sehr verändert oder von der dichterischen Phantasie ausgemalt und durchweitere Motive bereichert; auch aus mythologischen oder märchenhaften Zü-gen erwuchsen zuweilen Heldensagen. Die dichterische Form war zunächstdas Heldenlied. Das epische Lied (mythologischen Inhalts) erwähnt schonTacitus (siehe diese LG. I 1 , 17-23. 1 2 , 15-22). Die Sänger waren Fahrende, diean den Höfen herumzogen und dort in hohem Ansehen standen. Der west-germanische Name war scop (ags. as.), ahd. sopf, scof (s. LG. I 1 , 62-71. I 2 ,62-71). Ein größeres Helden-Epos entstand im Angelsächsischen im Beowulf(7. Jahrhundert; s. Panzer, Studien zur germanischen Sagengeschichte -Beowulf, 1910), in Deutschland in dem lateinischen Waltharius (um 920-30).Das älteste deutsche Heldenlied ist das Hildebrandslied. Am Anfangunserer Heldenepen (Leseepen) steht das Nibelungenlied. Die Verfasserder Heldenepen waren ritterliche Dichter oder gehörten zu den Spielleuten.
Die eigentlich klassische Zeit der Heldensage, also des Grundstoffs für Hel-denlied und Heldenepos, ist die Völkerwanderung, das heroische Zeitalter derGermanen, also das 4. bis 6. Jahrhundert. Aus der Zeit der Völkerwande-rung stammen die meisten der Persönlichkeiten und Ereignisse, welche denhistorischen Kern unserer mittelhochdeutschen Volksepen bilden, so Dietrichvon Bern, Attila, die Burgundenkönige; die Personen der Gudrun gehöreneiner späteren Zeit an.
So ergeben sich dem äußeren Umfang nach drei Formen der Heldendich-tung : das Heldenlied, eine Erweiterung desselben: das Heldenepos, eineSammlung von Heldendichtungen: das Heldenbuch.
Die Sagenkreise des Heldenepos. 1. Die Nibelungensage, niederfränkischund burgundisch. 2. Hilde-Gudrum, niedersächsich-friesisch. 3. Der ostgo-tische Sagenkreis, Amelungensage, Ermenrich und Dietrich von Bern, beiden Bayern überliefert. 4. Die Walthersage, alemannisch. 5. Die Ortnitsage(russisch, verknüpft mit den Gedichten der Dietrichsage). 6. Die Hug- undWolfdietrichsage (desgleichen). 7. Die Wielandsage, niedersächsisch. 8. Dielangobardische Rothersage (s. LG. II 1 , 290-313).
a) DAS NIBELUNGENLIED
An der Spitze der Heldenepen steht das Nibelungenlied sowohl der Bedeu-tung als auch der Abfassungszeit nach. Diese Bedeutung ist einmal historisch,da hier ein Bild entrollt wird von der Wesensart, der Denk- und Fühlweiseunserer Vorfahren, wie sie die Sage aus der Zeit um 500 erkennen läßt und wiesie um 1200 im Leseepos einen Niederschlag fand; die zweite Bedeutung be-steht im Methodisch-Wissenschaftlichen, indem die außerordentlich reicheLiteratur über diese Dichtung zu einer eigenen, weitverzweigten Nibelungen-wissenschaft herangewachsen ist.
Die gesamte Literatur über das Nibelungenlied ist so unermeßlich, daß ihre vollständigeAufzählung bis auf die Gegenwart Bände beanspruchen würde. Bis zum Jahr 1909 ist eine solchevollständige Bibliographie von Theodor Abeling, Teutonia H. 7, 1907, S. 1-133 (von 1756,