Sonstige Schwanke 115
b) Schwanke
Das Inhaltsgebiet der Schwanke, sowohl was die Personen als auch wasdie Handlungen anbetrifft, ist ins Typische stilisiert. An Personentypen tre-ten vor allem auf: der rohe Ehemann, der Ehebrecher und der betrogeneEhegatte; das böse Weib, die Ehebrecherin und das treue Weib; der buhle-rische, geile Pfaffe; die Magd oder Gevatterin, welche Helfersdienste leistet,und schließlich der Säufer. Eine höchst unerfreuliche Gesellschaft, bei derkein behaglicher Humor aufkommen kann! Im Gegenteil, wir haben hier einemehr oder weniger bewußte Satire auf das Geschöpf „Mensch". Solche rohenVorführungen machten offenbar dem Publikum Spaß und lassen auf seinenGeschmack und seine Bildung schließen. Welch ein Abstand gegenüber demLebensgefühl der Poesie in der Blütezeit der höfischen Dichtung! Der durchjene Typen charakterisierte Inhalt bewegt sich fast durchgängig in der se-xuellen Sphäre; es ist die „Minne" in ihrer vorweg geschlechtlichen Bedeu-tung, die hier in verschiedenen Schattierungen bis zum widerlich Obszönenauftritt: als harmlose, ja unerfahrene, natürliche Hingebung, als ehebreche-rische Buhlerei und schließlich als gemeine Zote.
Vorwegzunehmen sind zwei groteske Schwanke: Die böse Frau 1 undDer Weinschwelg. Die Erzählung tritt hier zurück und alle Handlung istauf die Charakterisierung der Person gerichtet (Charaktertypen).
Die böse Frau ist eine Icherzählung (820 V.). Der Dichter schildert seineEhe mit einem Übeln wibe. Sein Leiden ist ärger als das eines heiligen Mär-tyrers (173 ff. 492). Zuerst wurden die Gegensätze zwischen Mann und Frauim allgemeinen dargelegt (z. B. swaz mir tuot wol daz tuot ir we . .. spricheich swarz, si sprichet wiz, Swaz ich wil daz wil si niht [11—256]). Dann folgtdie Schilderung von einzelnen Kämpfen, die ganz kunstgerecht verlaufen,unter Zuhilfenahme aller möglicher zum Prügeln geeigneter Gegenstände inder Stube, wobei dann der Stuhl als Schutzwehr dienen kann. Der Mann hatimmer die Kosten der Prügelei zu tragen; halb totgeschlagen liegt er schließ-lich betäubt da und hält das Maul. Wenn man den Schwank Von der bösenFrau in die literarische Tradition einreiht, so wird man zu Neidharts höfischerDorfpoesie geführt. Die innere Form des Gedichtes besteht in dem Kontrastzwischen der Schilderung der plumpen Prügelei im Bauernhause und demguten höfischen Ton der Sprache. Hervorgehoben wird dieser Gegensatznoch durch den Vergleich mit Helden des Heldenepos (Aspriän 156, Dietrich,
1 Ausg.: Jos. Bergmann, 1841; Mor.Haupt, Lit. d. MA.s, Pal. 42, 1912, dazu Niewöhner,
Von dem übeln Weibe, 1871; Edw. Schröder, ZfdA. 63, 269, Cbl. 1913, 1340, Pfannmüller,
Die böse Frau, 1913, dazu Pfannmüller, DLz. DLz. 1914, 678-80, W. Richter, Arch. 131,
1914, 1258 ff., Wern. Richter, Arch. 134, 242 f., Helm, Lbl. 1915, 192-94, Bolte, Zs. f.
156-61; Schröder, 2. Aufl. 1919. — Ab- Volkskde. 23, 332. — In der Würzburger Hs.
handl.: Schröder 2 S. 5 f.; hervorgehoben (s. oben) steht ein unbedeutendes Gedicht
sei: Schröder, Gott. Nachr. 1913, 88-99; L. gleichen Inhalts (52 V) unter dem Titel Ditz
Bock, Wolframs v. Esch. Bilder für Freud u. ist von einem ubeln wibe, das mit dem obigen
Leid, QF. 33, 1879, 55-64; Helm, Beitr. 34, nichts zu tun hat, v. Bahder, Germ. 23, 220 f.
292-306; Schneider, Wolfdietr. S. 210. 272; 305 f.; Schröder, Die Gedichte d. Königs vom
Franz Brietzmann, Die böse Frau in d. dt. Odenwalde (s. unten) S. 12 f.