110 Die erzählende Dichtung
Auges, damit er sich nicht zurückgesetzt fühle; so wird die schon vorher kör-perlich schöne Frau noch schöner durch die Treue. Hier stellt also der Minne-sänger das Idealbild einer Frau auf. Das Gedicht hat den gleichen Inhaltwie Daz ouge (GSA. Nr. 12, Bd. I, 24-56 u. S. CXXIV u. Nachtr. S. 709-13.II; Barth, Liebe und Ehe S. 270 f.; Stehmann, Studentenabenteuer [s.unten] S. 138f.). Ein Gegenstück dazu bildet Der getäuschte Ehemann(Der verkerte wirt, 296 V., hgb. GSA. Nr.43, Bd. 2, S. XLII ff., 337-43; Kum-mer S. 137-48; Lambel, Erzählungen und Schwanke, Nr.V S. 193-210;Barth, Liebe und Ehe S.265-67; Stehmann, Studentenabenteuer S. 167-73). Eine Frau, die einen Liebhaber hat, überlistet ihren Mann auf allerleiWeise, einmal mit einem Esel, dann durch ihre Gevatterin, die sich anihrer Statt zu dem Alten ins Bett legt. —■ III. Der nackte Kaiser (Vondem blözen Keiser, 668 V.), hgb. Kummer S. 148-68). Im Gegensatz zu IIhat diese Geschichte einen moralischen Untergrund, sie ist eine Mahnungfür Fürsten. Der sich über Gott erhebende römische Kaiser Gorneus wird ge-demütigt. Als er im Bade sitzt, werden ihm seine Kleider von einem Doppel-gänger weggenommen; dieser nimmt nun öffentlich seine Stelle als Kaiserein, gibt sich ihm aber dann als Engel Gottes zu erkennen. Der Kaiser erhältdie Herrschaft wieder, die er fortan fromm und gerecht führt. — IV. DieKatze (Von der Katzen, 302 V., hgb. Kummer S. 168-76). Der Kater gehtauf Freiersfüßen — u. a. fragt er auch bei der Sonne an —, weil ihn die Katzezu gering dünkt; überall abgewiesen kehrt er zum Schluß zu dieser zurück. —Die gleichen Motive wie in I, III, IV behandeln auch die Gedichte „Dazouge"; Strickers (oder diesem fälschlich zugewiesen?) König im Bade (Dernackte Kaiser), GSA. Nr. 71, Bd. 3, S. CXV ff., 411-26 u. Nachtr. S. 747,s. auch Reinhold Köhler, Germ. 2, 431-34, u. Kl. Sehr. 2, 1900, 207-13,Stehmann, Studentenabenteuer S. 165-67; und Strickers Kater Freier(Wackernagel, Ad. Leseb. 5 S. 801-06). Herrand kannte wahrscheinlich,trotz abweichender Ausführung, diese drei Versionen.
Sonstige Erzählungen und Schwanke
Aus der Masse der einzelnen, meistens namenlos überlieferten Erzäh-lungen und Schwanke muß eine Auslese getroffen werden, besonders inHinsicht auf v. d. Hagens Sammlung Gesamtabenteuer (GSA.), in der90 Stücke vertreten sind. Unter diesen sind solche aus dem 14. Jahrhundertaufgenommen, die sich inhaltlich an die des 13. Jahrhunderts anschließen,oft auch sich gar nicht zeitlich auf das Jahrhundert hin bestimmen lassen.Auf Laßbergs Liedersaal und auf Adelbert v. Kellers Erzählungen ausaltdeutschen Handschriften soll nur vorübergehend hingewiesen werden.
a) Erzählungen
Aus der früheren Literatur wurde das Motiv der unschuldig verleumdetenKönigin in zwei Erzählungen erneuert, und zwar in der „Crescentia",