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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Herrand von Wildonie 109

hat, kehrt er nach England zurück; dreißig Jahre hatte er in weltlichemAnsehen gelebt, da bekehrte ihn Gott (2490), so daß er der Lüge abschwurund sich in ein graues Kloster (Zisterzienser) begab. Nach dem Tode desAbtes wurde er zu dessen Nachfolger erwählt und verdiente so das ewige Le-ben. Die zwölf Schwankgeschichten zerfallen in drei Gruppen (RosenhagenaaO.): Stück I, Vorgeschichte, Abfertigung des Bischofs; II-X, neun Streiche,Erlebnisse auf einer zusammenhängenden Fahrt; XI, XII Amis zieht alsKaufmann gen Konstantinopel; XIII bildet das Schlußstück. Einem ern-sten Sinn bleibt es unverständlich, daß mit dem Religiösen ein solcher Spottgetrieben und daß die Geistlichkeit so satirisch verhöhnt werden konnte.Darin liegt schließlich das tiefste kulturhistorische Problem dieser Schwank-dichtung. Im Schwanke war eben alles Mögliche erlaubt, außer einer un-mittelbar gegen die Hinordnung auf Gott verstoßende Haltung; dies gehörtzur mittelalterlichen Gradualität. 1 Und außerdem wird das Treiben des Pfaf-fen ja auch als Lüge, als Sündhaftigkeit erklärt und er selbst, zu besserer Ein-sicht gelangt, bekehrt sich zu einem frommen Leben. Immerhin bleibt indieser Dichtung sowie in manchen andern dieser Schwanke und Erzählungendie öffentliche Meinung über den Weltpriesterstand erstaunlich.

Als Quelle hat vielleicht eine französische Dichtung vorgelegen, die derStricker frei bearbeitete; die Geschichten haben viel von der Art der franzö-sischen Fabliaux (Rosenhagen). Der Bau der Handlung, eine Aneinander-reihung von listigen Schwänken auf einer Fahrt durch die Lande, erinnertan die höfischen Ritterromane mit ihrer Aufeinanderfolge von Heldenaben-teuern (Rosenhagen).

Herrand von Wildonie

Dieser steirische Minnesänger nimmt nach dem Stricker unter den Ver-fassern kleinerer Erzählungen die nächste, allerdings bei weitem nicht sohervorragende Stelle ein. 2 Seine vier Erzählungen gehören etwa in die Jahre1257-75. In jeder nennt er am Schluß seinen Namen (von Wildonie Herrantoder Herrant von Wildonie). Sie sind anmutig erzählt, auch in der künst-lerischen Form gut.

Die treue Hausfrau (Diu getriu kone, 296 V., hgb. GSA. Nachtr. Bd. 3,713-19; Kummer S. 129-37). Der Prolog V. 1-22 führt in den Sinn und denZweck der ganzen novellistischen Dichtung Herrands ein: diese entspringtaus einem ernsten Gemüt; der Dichter hat die Traurigkeit der Welt erfahren,darum will er von angenehmen Dingen erzählen,welche fröhlich stimmen.Inhalt: Ein mißgestalteter Gatte lebt mit seiner Frau in inniger Gemeinschaft;im Turnier verliert er ein Auge, da beraubt sich die Frau ebenfalls eines

1 Günther Müller, Dt. Vjschr. 2,1924,689. v. Wildonje, neudeutsch, 1928; Schröder, H.

2 Siehe oben. Ausg.: Jos. Bergmann, v. Wildon u. Ulr. v. Liechtenstein, Gott.1841; maßgebend: Ferd. Kummer, Die poeti- Nachr. 1923, 33-62. Lit.: Kummer; Piper,sehen Erzählungen des H. v. Wild, usw., 1880, Höf. Ep. 3, 410-20. Hs. des Ambraser Hel-dazu Bartsch, GgA. 1881, 1234-^14, Osw. denb. (1502-16).

Zingerle, Anz. 7, 151-64; Will Vesper, Der