108 Die erzählende Dichtung
Schwankhafte Geschichten von Trunkenheit sind Das Martinsfest (GSA.Nr. 50, Bd. II, 453-62 u. S. LXVI): Ein reicher Bauer feiert mit seinem Ge-sinde die Martinsnacht bis zur Bewußtlosigkeit, währenddessen stehlen Diebealle seine Rinder. Der luodersere (GSA. Nr. 52, Bd. II, 3-15 u. S. V): EinTrunkenbold will sich bessern, lebt als Einsiedler im Walde, läßt sich abervon den Bäuerinnen Weinkannen in Fülle bringen; schließlich zieht er wiederin die Stadt, predigt in den Weinhäusern den Trunkenen, bis er vor lauterZutrinken schlafend auf die Bank sinkt. Der Weinschlund (Pfeiffer, ZfdA.7, 405-09 [s. v. Kraus, Ubungsb. 2 S. 286]) versäuft seinen Kummer darüber,daß er nicht ritterlich standesgemäß leben kann. „Der falsche Wahrsager"stelltsich blind und belügt die Leute (Ha hnS. 33-36; übersetzt Heyne aaO.).
In erster Hinsicht schwankhaft und bloß zur Belustigung dienend stelltsich Strickers Pfaffe Amis 1 dar, ein Zyklus von zwölf listigen Streichen(2510 V.). Indessen, wenn die Dichtung auch nicht im einzelnen belehrend,bispelhaft, ist, so hat sie doch im ganzen einen moralisierenden Sinn: sie gibteine Satire auf menschliche Schwächen mancherlei Art, und ein Bild der ge-sunkenen Zeit im Gegensatz zu „Hie vor", da vröude und ere geliebt wurde(V. 1 ff.). Es wird erzählt, wer der erste man weere der liegen unt trlegen anevienc 39 ff. 1547 ff.; er hatte seine Heimat in England unt hiez der phqffeAmis. Der Aufwand, den er treibt, erregt den Neid und Zorn seines Bischofs;da verlangt Amis, um sich zu rechtfertigen, auf die Kenntnisse seines Amteshin geprüft zu werden. Die schwierigen Fragen des Bischofs beantwortet erebenso listig, z. B. wieviel Wasser im Meer sei, wieviel Tage seit Adam ver-gangen seien u. dgl.; zum Schluß soll er einen Esel lesen lehren: er lehrt die-sen umblättern, indem er zwischen die Blätter Hafer streut, worauf der Eselimmer Blatt für Blatt umdreht und sucht. Nach dem Tode des Bischofs gehtder Pfaffe auf Gelderwerb aus. Bei einer Kirchweih sammelt er Geld für einMünster. In Paris behauptet er, Bilder zu malen, die nur ein ehelich Gebore-ner sehen könne; er läßt die Leinwand einfach leer, und trotzdem loben derKönig und die Ritter die Schönheit des Bildes. In Lothringen macht er dieKranken gesund, indem er verlangt, der Kränkste müsse als Heilmittel seinBlut opfern, worauf alle sich für gesund erklären. Für solche Vorspiege-lungen läßt er sich von den Geprellten reichlich bezahlen, wandert bei Bauern,Rittern und Geistlichen herum und macht schließlich auch in Konstanti-nopel seine Geschäfte. Nachdem er eine Menge Geld zusammengeschwindelt
1 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 99 f. — Ausg.: Strickers, Progr. Bautzen 1914; Rosenhagen,
Lambel, Erzählungen u. Schwanke Nr. I; Pi- Festschr. Ehrismann 1925, 149-58. — Stellen:
per, Höf. Ep. 3,100-164; ältere Abdrücke von Heydenreich, Arch. f. Litgesch. 13 (1885),
einzelnen Hss.: Benecke, Beyträgez. Kenntn. 145 ff.; Sprenger, ZfdPh. 8, 214 f. 26, 286,
d. ad. Sprache u. Litt. 2. Hälfte, 1832, 493 Germ. 28, 190. — Etwa 10 Hss., Piper aaO.,
-608; Mailath u. Köffinger, Koloczaer Cod. später Seemüller, ZfdA. 55, 439^4; und
ad. Gedichte, Pest .1817, 289-356. — Uberset- zwei alte Drucke, Piper aaO.; Docen, Mise. 1,
zungen: Berlit 1851; Pannier bei Reclam; 76; Zarncke, ZfdA. 9, 399 f.; Steinmeyer,
Ohorn 1883. — Abhandl.: Zarncke (Anord- ebda 30, 376-79; Schröder, ebda 38, 112;
nung der Schwanke), ZfdA. 9, 399 f.; Joh. Heiland, Der Pf. Am., Straßburger Wiegen-
Brückner, Betrachtungen z. Pf. Am. d. druck, hgb. 1913.