106 Die erzählende Dichtung
Die Bitterkeit der Satire wird gemildert durch eine spöttische Färbung, die zuweilen hinein-gemischt wird, wie z. B. das Anerbieten des Vaters an den Sohn, V. 234 ff. (ze dem sune er inspotte sprach) oder V. 424 ff. Ja, schließlich ist die ganze Stellung des Dichters dem Sohn gegen-über nur ein Spott auf sein eitles, törichtes Obenhinauswollen. Betrachtet man aber das hiersich vollziehende Schicksal in seiner grundhaften Stimmung, so wirkt diese tragisch, und dieleidende Figur ist der alte Meier; die größte Tragik liegt in dem innern Zwiespalt, der dadurchentsteht, daß der Vater den blinden Sohn verstoßen muß. Er handelt unter der Herrschaftseines Rechtsbewußtseins, nach seinem verstandesmäßigen Urteil, nicht nach dem Gefühl seinesHerzens.
Der Aufbau des Gedichtes entfaltet sich zum größeren Teil in Reden und in langen Schil-derungen (wie der Haube V. 9-103, des Rockes V. 165-223, der Mahlzeit V. 859-90), wogegendie Partien, in denen Handlungen und Ereignisse vorherrschen, zurücktreten. Die Antithesebeherrscht den Bau (Vater—Sohn, die beiden Generationen, Bauerntum—Raubritterschaft).Der Stil in seiner Eindringlichkeit sowie der Vers mit seinem markigen Rhythmus, den aus-geprägten, oft seltenen und doch ungekünstelten Reimen, entsprechen dem lebensvollen Ge-samtbilde. 1
Der Stricker
Wie in der didaktischen Kleinliteratur (s. oben), so nimmt auch inder erzählenden der Stricker 2 den Vorrang ein, schon der großen Anzahlseiner derartigen Erzeugnisse wegen. Er betrachtet die Stoffe seiner Erzäh-lungen und Schwanke unter moralischem Gesichtspunkt, es sind Parabeln,bispel, wenn sie auch nicht alle als solche unmittelbar auftreten, so habendoch die meisten den gleichnisartigen Vermerk am Schluß. Eben wegen ihrerrealistischen Anschaulichkeit lassen diese Erzählungen und Schwanke mit ihrenCharaktertypen einen tiefen Blick in das wirkliche Leben tun, viel mehr als dieauf den Höhen der Gesellschaft sich bewegenden idealen Ritterromane. Als Bei-spiele seien hier einige Strickersche Erzählungen und Schwanke kurz skizziert.
Der nackte Bote (GSA. Nr. 60, Bd. III, 135-43 u. S.XXIX; übersetztbei H e y n e aaO .;Stehmann, Studentenabenteuer S. 134; vgl. auch Strickers„Der blöze ritter", Nr.59, Bd. III, 125-31 u. S. XXVIII f.): Ein Herrsandte seinen Knecht als Boten zu einem seiner Lehensmannen; der Knechtwollte, bei diesem angekommen, zuvor ein Bad nehmen; als er aber aus-gezogen war, mußte er sich gegen den Hofhund wehren und gelangte so, un-angekleidet, rückwärts in die Wohnstube zur Familie des Hausherrn, rastedann, nackt wie er war, zurück zu seinem eigenen Herrn, der ihm, nachdem
1 Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S.356. Die einzelnen Stücke (dabei auch die Fabeln)27 Reg. S. 351. — Metrik: v. Kraus, ZfdA. 47, außer Pf. Amis: Bartsch, Karl d. Gr. von305-18. 48, 126 Anm.; Panzer, ZfdPh. 38, Stricker S. XLIXf.; Piper aaO. S. 95-99;516-18; Pfannmüller, Beitr. 40, 390; Joh. vollständig jetzt bei v. Kraus aaO. (in GSA.Helsig, Metr. u. Stilistik im M. Helmbr., sind es die Nummern 32. 33. 34. 37. 45. 46.Leipz. Diss. 1893; Panzer 4 S. XVI f. — R. 50. 52.59.60.61. 69); nach diesem: v. Kraus,Kapp, Sind die „Rittertreue" u. der „Meier Festg. Singer 1930 (Strickers Nackter BoteHelmbr." alternierend abgefaßt? Freiburg. [GSA. Nr. LX] in Prosa; s. auch v. Kraus,Diss. 1922, Masch.-Druck. Forsch, u. Fortschr. 6, 1930, 447); Maria
2 Lit. s. oben (unter Didaktischer Klein- Maurer, Die Frauenehre von d. Stricker,literatur); Piper, Höf. Ep. 3, 94 ff.; Franz Freib. Diss. 1927; Niewöhner, Des StrickersBrietzmann, Die böse Frau in d. dt. Lit. d. „Welt", ZfdA. 63, 99-102. — Hss.: PiperMA.s, Pal. 43, 1912, Reg. S.235; v. Kraus, S.94f.; v. Kraus, Übungsb. aaO.
Mhd. Übungsb. 2 , 1926, 279-87 (Zwierzina).