Meier Helmbrecht 105
flußt, nicht nur darin, daß er dieselbe Gesinnung gegen die protzigen Bauern-sprenzel hegt, sondern sogar in einzelnen Motiven. Er rühmt den Lieder-sänger Neidhart als den besseren und erfolgreicheren Dichter (V. 217 ff.).Unmittelbar von ihm entnahm er den Abschnitt über die Haube (V. 9.104,vgl. Neidhart 86, 3-30), und viel Gemeinsames hat die vergebliche Warnung,die der Vater dem widerspenstigen Sohn erteilt (V. 224 ff.) mit jenem LiedeNeidharts, in welchem die Mutter die hoff artige Tochter von dem Tanze mitRittern abmahnt (Neidhart 27, 15 ff.). Doch ist die Einstellung Wernherszu Bauer und Adel eine andere als die Neidharts. Dieser hat nicht in ersterLinie eine satirisch-didaktische Absicht, sondern eine rein dichterische; ersingt im Gegensatz zu den Minnesängern und ihrer höfischen Üblichkeitvon den Dörpern, hat also zunächst bloß ein poetisches Bestreben, aller-dings getragen vom Hohn auf die Bauerntölpel; Wernher übt eine gerechtereBeurteilung, er kehrt auch die tüchtige Seite des Bauernstandes hervor undhat ein höheres Ziel; er zeigt die Schuld der Verletzung der von Gott ein-gesetzten Ordnung und ihre Sühne auf.
Aber auch sonst wirkte auf Wernhers dichterische Gestaltung und Sprache eine ausgedehnteliterarische Kenntnis. 1 Helmbrechts Haube ist geziert mit Szenen aus dem Trojanerkrieg, derKarlssage, der Rabenschlacht (V. 45-81); der alte Meier erinnert sich an das frühere Leben beiHofe, wo u. a. die Dichtung vom Herzog Ernst vorgetragen wurde (956 ff.); auch auf Artusund Ginover wird angespielt (1478 f.). Ebenso kannte der Dichter Hartmanns Gregorius: derJunge, welcher in die Welt hinausziehen und Ritter werden will, der Vater, welcher ihn zurück-hält — das ist ganz das gleiche Verhältnis wie zwischen dem jungen Klosterschüler und demAbt. An den Iwein (V. 63 ff.) erinnert die Beschreibung der höfischen Vergnügungen (Helmbr.958 ff.), an den Erec die unverhältnismäßige Länge bei der Schilderung von Enitens Pferd, be-sonders aber die Beschreibung des Sattels, auf dem ebenfalls die Geschichte von Troja undÄneas abgebildet war (Erec 7545 ff. — Helmbr. 45-53). Der Einfluß von Wolframs Parzivalaber zeigt sich in einzelnen Wendungen; auch besteht eine Verwandtschaft in der Lebensauffas-sung (Pfannmüller, Beitr. 43, 252-57). Die Kenntnis der Rabenschlacht wird in V. 76-81vorausgesetzt. 2 Die Besprechung von Vater und Sohn folgt dem Typus des Winsbeke usw. inder Anrede: sun, vater.
Umgekehrt hat das Gedicht auch zeitlich nachgewirkt (Panzer S. XV f.): der Pleier hatim Meleranz zwei Verse wörtlich aus M. Helmbr. entnommen (PI. 591 f. = M. H. 49 f.; vgl.auch PI. 106 ff. u. M. H. 217 ff.). Der sog. Seifrid Helbling hält nicht nur die gleiche sozial-satirische Richtung ein, sondern hat auch viele einzelne Gedanken und Wendungen mit M. Helm-brecht gemein, ja wohl auch oft daraus entlehnt. 3 Direkt als Autorität zitiert wird Helmbrehtesvater lere von Ottokar in seiner österreichischen Reimchronik (V. 26417 f.). 4 Sprachliche undstilistische Gleichheiten endlich finden sich auch in dem Schwanke Von der bösen Frau (Vondem übelen Weibe). 5
keit der verbreiteten Scherzgeschichte von vielfach verwandten Züge des M. Helmbr.
dem von der Schule heimkehrenden Bauern- mit dem Ruodlieb. Ehrismann, ZfdPh. 36,
söhn, der sich stellt, als ob er die Sprache sei- 400 f.
ner Angehörigen nicht mehr verstehe, mit dem 3 Seemüller, Ausg. S. XXXII u. in den
Gebaren des jungen Meiersohns hat Panzer Anmerkungen pass.; Martin, GgA. 1883
nachgewiesen, Beitr. 33, 391-98. Nr. 29; Schröder, Anz. 10, 57 f.
1 Panzer* S. XIII f. 4 Haupt, ZfdA. 3, 279; Seemüllers Ausg.
2 Götze, ZfdPh. 51,478. — Wie die poetische von Ottokar, II. Teil pass.Phantasie unter den gegebenen Bedingungen 5 Schröder, GgA. 193, 98 f.mit ähnlichen Motiven arbeitet, zeigen die