Meier Helmbrecht 103
[um 1250?] oder nach dem Bekanntwerden des böhmischen Grußes [nach1246] und vor Seifrid Helbling erstes Gedicht, im Jahre 1282.
Inhalt. Das Motiv des Gedichtes bildet die Geschichte von einem Bauern-sohn, der Ritter werden will. Schon damit wird die Richtung des Gedanken-gehaltes angegeben: dieser ist gesellschaftsgeschichtlich und sozialethisch,einmal, weil er in die Feudalverhältnisse des Mittelalters und dann, weil erin den allgemeinmenschlichen Generationsgegensatz „der Alten und Jun-gen" eingreift. Im Grunde aber ist die ganze Idee religiös-ethisch bestimmt,denn nach der christlichen Tugendlehre liegt in der Uberhebung des Jungenüber seinen Stand eine Auswirkung des Hauptlasters, des Übermuts, derSuperbia, und die Verachtung der Lehren der Eltern verstößt gegen das vierteder zehn Gebote: Du sollst Vater und Mutter ehren.
1. V. 1-223. Die Tracht des eiteln Bauernjungen. Mit dem Kunstgriff der Spannung wird dieErzählung eingeleitet — dieser ist novellistisch —, etwas Neues, Unerhörtes wird in Aussichtgestellt: ich sach, deist sicherlichen war eins gebären sun, der trug blondgelocktes langes Haar(das war nur Tracht der Edeln), das in eine kostbar gezierte Haube gefaßt war. Diese wird nunausführlich beschrieben. — 2. V. 224-652. Der Abschied. Nach der Schilderung der gecken-haften Ausrüstung und Kleidung des Bauernsohns beginnt die Handlung. Er will zu Hofefahren und bittet den Vater um eine Ausstattung; der Alte rät ihm, beim Pfluge zu bleibenund die Hube mit ihm zu bauen, denn „selten im gelinget, der wider sinen orden (Standesordnung)ringet' 1 . Das ist das Thema des ganzen Gedichtes, din ordenunge ist der pfluoc 289 ff. Es folgt einlanges Zwiegespräch zwischen dem besonnenen Vater und dem hinaus ins Raubritterlebendrängenden Sohn. — 3. V. 653-1455. Der Besuch in der Heimat. Der Bauernsohn wird Ge-folgsmann (gesinde 599) eines Junkers, der den Straßenraub betreibt. Nachdem Helmbrechtschon eine Masse zusammengestohlen hat, nimmt er nach einem Jahr Urlaub und zeigt sich zuHause bei den Eltern. Da prahlt er mit seiner „höfischen" Bildung in kauderwelschem Jargon,verächtlich sich über die Bauern erhebend. Bei der Mahlzeit erkundigt sich der alte Meier Helm-brecht nach der hovewise (Hofsitte V. 902) und schildert die alte gediegene Ritterart seiner Ju-gend (913-983); der Junge stellt diesem als die neue Sitte ein Bild abgründiger Verrohung(984-1019) entgegen und erzählt von seinen Heldentaten. Der Vater erkundigt sich nach denGesellen des Sohnes, die ihn das Rauben gelehrt haben, und dieser zählt sie auf; es sind lauterNamen für Diebe, Gauner und Galgenvögel (1187-1256). 1 Einen dieser „frumen knaben", demLemberslind (Schafverschlinger, Schafdieb) will er seine Schwester Gotelint zum Manne geben,die aufs bereitwilligste darauf eingeht (1293-1455). — 4. V. 1456-1702. Die Hochzeit. Helm-brecht kehrt zu seinen Spießgesellen zurück. Dann folgt eine Beschreibung der Hochzeit. Wäh-rend des Hochzeitmahles überrascht sie jedoch der Richter mit den Schergen und diese schlep-pen die Diebe vor Gericht; neun werden gehangen, dem Helmbrecht werden die Augen aus-gestochen sowie die rechte Hand und ein Fuß abgehauen. — 5. V. 1703-1922. Das Ende desDiebes. Der blinde Krüppel wird in das Haus seines Vaters gebracht, der aber weist demElenden mit eisigem Hohn die Tür, swie (wie sehr auch) im sin herze krachte 1776; dochgibt ihm die Mutter wie einem Kinde ein Brot in die Hand. Er schleicht hinweg, da über-fallen ihn die Bauern, die er früher gebrandschatzt hatte, prügeln ihn durch, zerfetzen ihmdie schöne Haube, zerreißen sein hellgelocktes Haar und hängen ihn schließlich an einemBaum auf.
1 Es ist ein neuer Stand, Halbritter oder sind; s. Petersen, Das Rittertum in d. Dar-
Halbedle, Halbedelknappen genannt, s. Ren- Stellung des Johannes Rothe, 1909, 80; Rich.
ner 1565-1712, Liederbuch der Hätzlerin ed. Müller, ZfdA. 31, 96 f.; grammatisch: Be-
Haltaus 1840 S. 124-28, wo beide Male eben- haghel, Neuphilol. Mitteil. 25, 1924, 133 f.falls solche Mordbrennernamen aufgezählt