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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Heinrich von Neustadt 95

seits auf ein spätgriechisches (verlorenes) Original zurückgeht. Der schick-salsreiche Inhalt war ganz nach dem Geschmack des romantisch-wunder-süchtigen Mittelalters. In alle abendländischen Nationalsprachen 1 wurde dieHistoria Apollonii übersetzt, am frühesten,um 1100, ins Altenglische (Prosa),und in England erreichte sie auch ihre stärkste literarische Ausbildung durchShakespeares Pericles. In Deutschland wird sie schon in Lamprechts Alexan-der erwähnt (Vor. AI. 1010 ff., Straßb. AI. 1404 ff.), erhielt aber erst in Hein-richs von Neustadt großem Abenteuerroman literarische Form. Spätere deut-sche Übersetzungen sind eine mitteldeutsche Prosa (15. Jahrhundert) und inder aufblühenden deutschen Renaissance Steinhöwels Historia des KönigsApollonius. 2

b) Die Abenteuer des Mittelstücks sind zum Teil byzantinischen Ursprungs, 3vieles hat der Dichter aber aus seiner Kenntnis deutscher Artusromane, auchder Volksepen, zusammengetragen, darunter aus Hartmann und Wirnt, be-sonders aus Wolfram und auch aus Rudolfs von Ems Weltchronik (Geogra-phie). Das historische Kolorit hat er weder in der ursprünglichen Apollonius-geschichte (a) noch in dem Mittelstück (b) einheitlich durchgeführt, in dasantike Leben mit seinen heidnischen Göttern verpflanzt er Zusätze aus denSitten seiner Zeit, Schilderungen von Waffen, Kleidern, Personen und Festen.So sind in diesem späthöfischen Erzeugnis antike und mittelalterliche Ele-mente zusammengeflossen.

Der Stil 4 des Verfassers ist kennzeichnend für die Denkweise einesMannes, der nicht geborener Dichter, sondern ein gelehrter und praktischerArzt war. Er sieht die Dinge in ihrer Wirklichkeit, beschreibt sie realistischund flicht medizinisches Wissen ein. Versbau und Reim zeigen guteTechnik. 5

Während der weltliche Abenteuerroman Apollonius nur den Zweck einerUnterhaltungslektüre hat, ist das zweite Werk des Verfassers, Gottes Zu-kunft 6 (= Ankunft, das Zuunskommen, 8113 bzw. 8129 V.) für höhere An-sprüche berechnet; es ist ein Erbauungsbuch, und in rehter anddht hat er eszusammengestellt, um zu bessern, nicht um die Gunst der Welt zu erlangen8097-8101. Es gibt eine Heilslehre und entwickelt in drei Büchern die Ge-schichte des Erlösers.

Inhalt: Alanus wird in einer Vision in das wonnevolle Land der Natur geführt; diese willeinen vollendet tugendhaften Menschen schaffen. Die Weisheit, Prudentia, fährt zu diesemZwecke mit ihren sieben Dienerinnen, den sieben Künsten, zu Gott. Gott bestimmt, die Natursoll einen vollkommenen Leib schaffen, von Gott werde die reine Seele hineingegossen werden.

1 Die verschiedenen vulgärsprachlichen Fas- vorauszusetzen, der durch eine lat. Mittelquellesungen s. bei Piper 3, 376-78; Untersuchung Heinr. v. Neustadt bekannt wurde.

aller Fassungen: Singer, Untersuch, üb. das 4 Steinmeyer aaO.; Bernt aaO.

Fortleben; Smyth, Shakesp. Pericles aaO. 6 Kraus, ZfdA. 56, 59.

2 Abgedruckt von C. Schröder aaO. 6 3 Hss. u. 3 Brachst.: Singer, Ausg. S. XI ff.;

3 Nach Singer, Untersuch, und Singer bei Ferd. Khull, Zur Überlief, u. Textgestalt v.Bockhoff u. Singer aaO. ist hierfür ein ver- Gottes Zuk. d. H. v. Wiener-Neustadt, Progr.lorener byzantinischer Roman des 13. Jh.s Graz 1886, dazu Nagele, Lbl. 1887, 318.