88 Die erzählende Dichtung
kenntnisreicher Mann, der Schulbildung besaß, in der deutschen höfischenund Heldenepik, in klassischer und mittellateinischer Literatur belesen war.Er kannte Hartmann, Wolfram, Gotfrid, Wirnt, Rudolf von Ems, den jün-geren Titurel, aber am stärksten stand er unter der Führung Konrads vonWürzburg, 1 dessen Stil 2 er sich zu eigen gemacht und dem er eine Masseeinzelner Kunstgriffe und Wendungen, auch Motive entlehnt hat. Der Vers-bau 3 ist ziemlich regelmäßig. Den großen Umfang, auf den er sein Gedichtgebracht hat, erreicht er durch eine gewisse Redseligkeit, die mit ein unddemselben Gedanken nicht fertig werden kann. So wird die Darstellungschleppend und ermüdend. Dazu erweitert er den Grundstoff gern durch aus-führliche Schilderungen, Stimmungsergüsse, gelehrte Beiziehungen, und vorallem ist seine Ausdrucksweise an sich breit und wortreich.
Darin erweist sich der Reinfrid als echtes Epigonenwerk, daß es vom Stoff-hunger diktiert ist. Aber der Dichter selbst geht nicht im Äußerlichen auf,er hat moralische Zwecke, der Held ist als Musterideal aufgestellt, zur fejje-runge der Herren 90-93. Und er besitzt eine feste Anschauung vom Verhält-nis des Menschen zu Gott: gotes Ion, der weite heil (V. 6), die ere ist der Wegzu Gottes Huld (V. 24 ff. 41-43), der Held hatte immer Gott vor Augen(V. 124 ff.). Aber es fehlt die dichterische Phantasie und damit die Fähigkeit,diese Grundsätze in seinem Werke symbolisch werden zu lassen; er bringt esbloß bis zum Schelten über die Unmoral.
Bei den Zeitgenossen und in der Folge fand das Gedicht nur geringe Auf-nahme, 4 der anziehende Stoff der Sage aber hat mehrfach literarischen Nie-derschlag gefunden: außer im Reinfrid noch in Michel Wyssenherres Ge-dicht, 5 in drei Gedichten von Hans Sachs, in einem von Heinrich Göding(1585), welches später in Prosa gedruckt wurde [Volksbuch] und in dem inzwei gleichartigen Fassungen erschienenen tschechischen Volksbuch. 6
Das Feenmotiv war schon Ausgangspunkt für die Erzählung im Lanzeletund Wigalois gewesen, und am Ende des Jahrhunderts griff man wieder aufMärchenstoffe zurück. Hierdurch schließt sich eine zweite Gruppe dieserSpätromane zusammen.
Gauriel von Muntabel von Konrad von Stoffeln
Dieser Roman setzt sich ganz aus überkommenen Motiven zusammen.
1 Die Kenntnisse des Dichters u. Parallel- czwigk, als er über merfäre von Michel Wyssen-stellen: Gereke S. 358^49; Reinfrid und herre (Name am Schluß Str. 98). Um 1470 imGauriel: Anz. 30, 94. südl. Rheinfranken verfaßt; 98 siebenzeilige
2 Stil: Jänicke aaO.; Singer, Schweizer- Strophen. Hgb. Walther Seehausen, Micheldeutsch 1928, 124 f. Wyssenherres Ged. „Von dem edeln hern...."
3 Metrik: Jänicke aaO.; Kraus, ZfdA. 56, u. die Sage von Heinr. d. Löwen, Germ. Ab-56 f.; Wahnschaffe, Enjambement pass. handl. H. 43, 1913 (s. LG. II, 2, 56 f. u. 56
4 Sage vom Zauberer Zabulon im Wartburg- Anm. 5).
kriege s. ob.; Anklänge in der Novelle vom 6 Andere Bearbeitungen s. Bartsch, Herz.
Schüler vom Paris: H.-Fr. Rosenfeld, No- Ernst S. CXXI f., Reinfrid-Ausg. S. 812;
vellenstud. S. 194-96. 268. Goedeke aaO. SA. S. 75 ff.; Seehausen aaO.
6 Das buch von dem edeln hern von Brune- S. 34-73.