Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
84
Einzelbild herunterladen
 

84 Die erzählende Dichtung

u. weltl. Motive aaO. S. 125-34; Strauch, Beitr. 43, 549; H.-Fr. Rosenfeld, Neophil. 12,1927, 173-86; Käthe Leonhardt, Quellengeschichtl. Untersuchungen zu Wilh. v. Wendendes U. v. E., Tüb. Diss. 1932; Käte Iwand, Epenschlüsse S. 51 ff.; Eigenbrodt, Gute FrauS. 1. — 2 Hss.: Toischer S. I-XII; Hans Paul, ZfdA. 55, 349-72; Rosenfeld aaO., ebdaeine verlorene Hs.

Ist in der Alexandreis das Geschichtliche stark ritterlich-romanhaft gefärbt,so hat der um 1290-97 verfaßte Wilhelm von Wenden (8-9000 V.) einesagenhafte Grundlage, die an die Geschichte angeknüpft wird, und zwar zurVerherrlichung Wenzels II. und dessen Gemahlin Guta (yrouwe Guote 4328,im Roman trägt sie den lateinisch übersetzten Namen Bene). Der EingangV. 1-291, die Vermählung Wilhelms, gibt ein Stück böhmischer Hofgeschichte;das Ganze ist dann in eine geschichtliche Perspektive gestellt, und die Be-kehrung Wilhelms und des Wendenlandes (Böhmens) zum Christentum wird alszeitlicher Hintergrund benutzt. 1

Um Christi willen geht Wilhelm mit seiner Frau auf die Pilgerschaft; ihre Erlebnisse sindähnlich jener der guten Frau; sie bestehen in der Trennung zusammengehöriger Familiengliedervoneinander, Wilhelms, der Mutter, der beiden Söhne, und in ihrer schließlichen Wiedervereini-gung. Nach weiser Regierung gehen endlich Wilhelm und seine Gattin ins Kloster.

Den legendarischen Grundstoff hat ein „Predigerbruder aus Wendenland"gesandt, „Meister Heinrich der ivalch" hat dem Dichter den Auftrag zur Ab-fassung gegeben. Die an die böhmische Geschichte angeknüpfte Legendescheint demnach mündlich unter der wendischen, slawischen Geistlichkeitumgegangen zu sein. 2 Die ursprüngliche Quelle der Sage war noch ohneböhmischen Einschlag und bestand jedenfalls in einem böhmischen Buch, dasmit dem Guillaume d'Angleterre Chrestiens verwandt, aber nicht identischwar. 3 Von dem Gedicht von der guten Frau unterscheidet sich Ulrichs Werkwesentlich in der ethischen Haltung: dort herrscht eine nutzlose Askese, dienicht zu innerer Läuterung dient und ein Elendsleben ohne moralischen Wertbewirkt, hier im Wilhelm von Wenden dagegen ist alles getragen von demgroßen Gedanken einer Weltanschauung, die im Christentum eine Erhöhungzu neuem Leben erkennt.

In der Alexandreis 25100 ff. beruft sich Ulrich auf „herzogen Ernstes buoch",und eine überaus große Anzahl gleicher Stellen sowohl im Alexander als imWilhelm von Wenden sowie auch Stil und Verskunst zeigen solche Überein-stimmung mit diesem Werke, daß an einer Identität der Verfasserschaft wohlnicht mehr gezweifelt werden kann, d.h. es kann für erwiesen gelten, daßUlrich von Eschenbach auch den Herzog Ernst D gedichtet hat. Und zwarliegt dessen Entstehungszeit zwischen Alexandreis und Wilhelm von Wenden. 4

1 Religiöses:RosENFELDaaO.;Toleranz:NAU- S. 165 f.; Golther, Lbl. 1916, 294; Singer,mann, Festschr. Ehrismann S. 95. Wolfr.s Stil S. 112. 125; Sparnaay aaO.; Ro-

2 Paul, ZfdA. 55, 363 V. 85; Ders., Berl. senfeld aaO. S. 185. — Zur VerwandtschaftDiss. S. 28. mit der Eustachiuslegende u. der Geschichte

8 Wie man früher annahm: Toischer, Ausg. von Guido u. Tyrius der Gesta Romanorum s.

S. XIV ff.; Jahnke aaO.; s. auch Wendelin Sparnaay S. 128 ff. — Siehe ob. Die gute

Foerster, Wilhelmsleben, in: Kristian von Frau.

Troyes Sämmtl. Werke IV, .1889, S.CLXXVI 4 Den Nachweis dürfte wohl endgültig Ro-

u. Textausgabe 1911. —Dagegen: Paul, Diss, senfeld geliefert haben: Herz. Ernst D u.