80 Die erzählende Dichtung
In engem Zusammenhang mit dem II. Teil des Wartburgkriegs, dem Rät-selspiel, steht das in der gleichen Strophenform, im Schwarzen Ton, abgefaßteEpos Lohengrin (767 Strophen zu 10 Versen = 7670 Verse). Auch diesesGedicht ist nicht einheitlich, jedoch bei weitem nicht so verworren wie derWartburgkrieg. Es sind zwei Teile von zwei verschiedenen Dichtern 1 verfaßt:
I. Str. 1-67, 2 in thüringischer Mundart; 2 davon sind Str. 1-30 dem Rätselspiel des Wart-burgkriegs entlehnt und bilden eigentlich nur eine einleitende Vorerzählung; und zwar ent-spricht 3 Loh. Str. 1-8 = Wartb. Str. 29-36; Loh. 9-18 = Wartb. 105-14; Loh. 19-23 = Wartb.75-79; Loh. 24-30 = Wartb. 83-88. Dann folgen in Loh. 31-67,2, die in Wartb. keine Ent-sprechung haben (doch Loh. 31, 8 = Wartb. 87, 5); hier erzählt Wolfram, wie Lohengrin vonArtus zum Beistand der Elsam von Brabant ausgesandt ward. —
II. Dann fährt der zweite Dichter fort (Loh. Str. 67, 3), ein Bayer, wahrscheinlich ein Mini-steriale, und vollendet um das Jahr 1283-90 den großen Lohengrinroman bis zum Schluß. DenKern dieses zweiten, bayerischen, Teils bildet die Geschichte von Lohengrin oder dem Schwan-ritter. 4 Vom Schwan nach Brabant geleitet, erweist er das Recht der Elsam durch BesiegungFriedrichs von Telramunt; dann wird die Übertretung des bekannten Frageverbots und die da-durch bewirkte Trennung berichtet. Die Erzählung von Lohengrin dem Schwanritter ist durchermüdende Langwierigkeit und durch maßlose Erweiterungen — den üblichen Apparat vonKriegen und Festen — zu großem Umfang angeschwollen: nach der Hochzeit zieht Lohengrin,der Herzog von Brabant, im Heere des Königs Heinrich gegen die Ungarn, dann zur Hilfe desbedrängten Papstes gegen die Sarazenen nach Unteritalien. Nach Elsas Frage nimmt er Ab-schied von seinem Weibe und den zwei Söhnen. Später läuft die Erzählung in einen historischenBericht über die sächsischen Kaiser von Heinrich I. bis Heinrich II. aus.
Trotz dem märchenhaften Kern der Schwanrittersage stellt sich das Ge-dicht des bayrischen Verfassers als der Ausdruck einer unromantisch gewor-denen Zeit dar; die Auffassung der Dinge ist realistisch, in der Welt derWirklichkeit bewegen sich die Personen, in der Zeit Heinrichs I. spielen dieEreignisse. Da gibt es keine Wunderdinge wie im I. Teil, keine Riesen, Zwergeund Ungeheuer. Doch wird die Umwelt durchaus in ritterlichem Geiste erfaßt;in Kriegstaten und Festgeprängen, Heidenkämpfen und Bekehrungen erfülltsich das Leben; und dies alles im Rahmen der Weltgeschichte. Ein Zeitbildder hohen Gesellschaft wird entfaltet, das Rittertum und die Geistlichkeitbilden die Spitzen der sozialen Ordnung. Der Schwerpunkt des poetischenInteresses liegt in der dem Dichter überlieferten Lohengrinsage; hier weiß eranmutig zu schildern, sogar ergreifende Töne anzuschlagen. Doch liegt seineBegabung mehr auf praktisch-realistischer Seite. Er besitzt Kenntnisse imRechtsgebrauch, im feinen Hofton, in der Länderkunde, dagegen keine eigent-lich gelehrte Schulbildung, Lateinisch und Französisch scheint er nicht ge-lernt zu haben.
1 Verfasser: RückertS. 257-63; Elster aaO. Strack S. 15 ff.; Elster S. 189-94.
u. Festg. Sievers 1896, 252; Panzer, Lohen- 4 Siehe Konrad v. Würzburg, Schwanritter,
grinstud. S.54-60; Kluckhohn, ZfdA.52,162. oben. — Der Rechtsstreit: Rich. Schröder,
2 Mundart: Elster, Beitr. 10, 111-20; ZfdA. 13,150 f. 156-61; Barto, s. oben, Wart-Traunwieser (s. unt.) S. 59-61; Zwierzina, burgkrieg. — Name: im Parz. u. im Wart-Anz. 26 Reg. S. 351 (bes. ZfdA. 44, 278. 388f.). burgkrieg: Loherangrin, im Epos: Lohengrin
3 Die Strophen im Wartburgkrieg u. Lohen- (Lohengarin); Etymologie: Loherain Garin, ausgrin: Simrock S. 237-40. 266 ff.; Rückert Garin le Loherain (afrz. Chansons der GesteS. 232. 235; Rud. Schneider aaO.; Wil- des Loherains). Golther, Roman. Forsch. 5,manns, ZfdA. 28, 226 f. u. Anz. 10, 330; 1890, 103-36; Hertz, Parz. 2 S. 549.