Der Wartburgkrieg 77
Von dem tugendhaften Schreiber sind noch Lieder erhalten (s. unterMinnesang). Er ist wohl identisch mit dem in thüringischen Urkunden 1208-28als landgräflicher Kanzler auftretenden Henricus notarius, Henricus scriptor. 1Ob der im Sängerkrieg mitwirkende Biterolf jener durch Rudolf von Emsbekannte Dichter eines Alexanderepos war (s. oben), ist unsicher. 2
Ebenso ist es ungewiß, ob dem Gedichte ein wirklicher Vorgang, also einWettstreit von Sängern an dem Hofe des Landgrafen Hermann, zugrundeliegt. Jedenfalls waren die Bedingungen für eine solche Vorstellung durchdas reiche literarische Leben an jenem Hofe gegeben, das durch Walther undWolfram sich zu höchster Blüte entfaltete. Aus unserem Gedichte entwickeltesich nicht lange nach seiner Entstehung eine Wartburgkriegsage, die inlateinischen Chroniken (seit 1289) und deutschen Gedichten verschiedenartigeWendungen erfuhr. 3
II. Der zweite Teil, der sich auch im Strophenbau von dem ersten unter-scheidet (s. unten), besteht aus sechs verschiedenen Stücken, deren umfang-reichstes das erste ist, Das Rätselspiel (Str. 25-114), ein Rätselstreit zwi-schen Wolfram und Klinsor von Ungerland. Nur notdürftig wird er mit demersten Teil dadurch, daß am Schluß desselben Ofterdingen den Klinsor herbei-rufen will (s. auch II Str. 33), verknüpft. Auch dieser Redekampf findet, wieder erste Teil, in der Umgebung des Thüringer Hofes statt. Klinsor in derRolle eines Krämers (aus Parzival B. XI) bietet dem Fürsten seine Ware,seine Rätsel, feil. Es sind deren im ganzen zehn, die fast alle von Klinsor auf-gegeben und von Wolfram gelöst werden. Sie bilden zusammen (bis auf Nr. 8)eine Unterweisung in der christlichen Lehre mit den wichtigen Glaubens-sätzen: Altissimus Gott, der sündige Mensch, die Erlösung. Am Schluß, imzehnten Rätsel (Str. 105-14), schickt Klinsor den Teufel Nasion vor, derWolfram mit schweren astronomischen Fragen versucht, die dieser nicht zubeantworten weiß, aber doch dadurch endgültig entscheidet, daß er Gott undMaria um Hülfe anruft und den Teufel durch das Zeichen des Kreuzes bannt.
Die Gestalt Klinsors stammt aus dem Parzival (Clinschör), aber er istinzwischen ein anderer geworden; statt eines gefährlichen Zauberers mitübernatürlichen Kräften tritt hier ein meisterpfqffe auf, ein Gelehrter, der soviel Wissen wie ein pfqffe hat, aber nicht Geistlicher ist. Dieses Wissen be-steht in der Geheimkunst der Nigromanzte und Astronomie (Str. 75), die derlediglich weltlichen Sphäre angehören, Wolfram dagegen besitzt die höhere
1 Der tugendh. Schreiber: J.Grimm u. Dichter Rein mar den Alten mit Reinmar von
Haupt, ZfdA. 6, 186-88; Bartsch, Kolm. Zweter verwechselt s. bes. Roethe S. 79-81.Liederhs. S. 158; Wilmanns, ADB. 11, 641; 3 In deutschen Gedichten: Leben der heil.
H. Hess, D. Mönchhof bei Manebach u. s. Be- Elisabeth nach 1297, von Johannes Rothe
Ziehungen zum „tugendh. Schreiber", Mitteil. nach 1420, in der Prosachronik des Friedr.
d. Ver. f. Gothaische Gesch. u. Altertums- Köditz von Saalfeld, 14. Jh. (s. unt.). — Lit.
forsch. 1907-09; Schreiber, Neue Bausteine über die Quellen der Sage: Piper S. 60 f. MSH.
zu e. Lebensgesch. Wolfr.s v. Esch. S. 72 f., IV S. 875 ff. (s. auch 745 ff.); Simrock S. 307
auch S. 59. -22; Burdach, Reinm. 2 S. 421 f.; Wilmanns,
2 Biterolf: Wilmanns, ZfdA.28,214; Roethe, ZfdA. 28,206 ff.; R. M. Meyer, Anz. 21,75ff.;
Reinm., Reg. S. 134; Schreiber aaO. —Ob der Rostock, Dichterheldensage S. 20 ff. 40 ff.