76 Die erzählende Dichtung
I. Der erste Teil, Str. 1-24, das Streitgedicht, ist ein Sängerstreit, einWettsang zum Ruhme des preiswertesten (tugendhaftesten) Fürsten, einFürstenlob. Dieser Sängerstreit wird als ein wirklicher Kampf aufgefaßt,ein Zweikampf, in dem der Herausforderer sein Leben für die Wahrheit seinerBehauptung einsetzt, also in der Art eines Gottesgerichtes. Die Sachlage istfolgende: wie bei einem gerichtlichen Zweikampf oder einer Tjoste wird einfreier Raum für die Kämpfer geschaffen, die Zuschauer haben ringsherumihre Plätze, der Fürst auf erhöhter Stelle. Im Rittersaal der Wartburg vordem Landgrafen Hermann von Thüringen und der Landgräfin, welche vonder Hofgesellschaft umgeben sind, spielt die Szene. Heinrich von Ofterdingentritt in den Kreis und fordert alle die Sänger, die Meister, zum Kampf heraus,indem er den Satz aufstellt, daß die tugent (Vortrefflichkeit) des Herzogsvon Österreich mehr wiege als die dreier anderer Fürsten. Der Reihe nachtreten der tugendhafte Schreiber und Biterolf, dann Reinmar von Zweter,Wolfram und Walther gegen Ofterdingen auf und erteilen dem Landgrafenvon Thüringen den höchsten Preis, wobei Walther auch noch den Königvon Frankreich gegen Ofterdingen ausspielt, Biterolf aber den Grafen vonHenneberg. Walther führt eine Entscheidung zuungunsten Ofterdingens her-bei, indem er ihn durch eine scheinbar harmlose Frage hereinlegt. Ofterdingenist damit überwunden; seine Gegner rufen den Scharfrichter Stempfei herbei,aber auf Wunsch der Fürstin darf er frei abziehen.
Das Gedicht ist auf den verteilten Rollen der Streitenden aufgebaut undhat damit den Plan eines Dramas, dem auch die Entwicklung des Streites mitder wachsenden Heftigkeit der beiden Parteien und der auf die Katastrophehinziehenden Zuspitzung entspricht. Im Mittelpunkt der Spieler steht Hein-rich von Ofterdingen. Ein Dichter dieses Namens ist nicht nachgewiesen,aber schon im späteren 13. Jahrhundert hielt man ihn für eine wirkliche Per-sönlichkeit. 1 Eine poetische Auferstehung erlebte er in der Romantik (Nova-lis, E. T. A. Hoffmann) und in Richard Wagners Musikdrama, wo dann dieSage vom Wartburgkrieg mit der vom Tannhäuser vereinigt und Ofterdingenzu einer Person mit Tannhäuser verschmolzen wird; gleichsam zu einer höhe-ren Idee hinaufgesteigert tritt er hier nicht mehr als der Sänger des Fürsten-preises, sondern im Dienste einer stärkeren Macht, der Herrscherin Venus,der Verkörperung des sündigen Erdenlebens 2 auf.
I, 55 ff. 374 f. II, 2, 146. 151 ff.; s. in diesem S. 271-88. — Ofterdingen: Bartsch, Kolm,
Bande: Spruchdichtung. — Speziell zum Wart- Liederhs. S. 70. 77 f. 158. 404; H. J. Hermes,
burgkrieg: Simrock S. 288-92; Jantzen, Die Neuerburg an der Wied usw. 1879; Bur-
Gesch. d. Streitgedichtes 67 ff. 77-85. 87 f.; dach, Reinm. 2 S. 421-44; Roethe, Reinm.
Bebermeyer, Merker-Stammlers Reallex. 3, S. 159 f. Anm.; Erich Schmidt, Charakteri-
312. stiken 1, 40 ff.; Golther, Ges. Aufs. 1911
1 MSH. III S. 163; Bartsch, Kolmarer Hs. S. 47^19 ff.; Paul Riesenfeld, H. v. Oft. inaaO.; Ders., Liederdichter 4 S. 308; Simrock der dt. Lit. 1912, dazu Leitzmann, ZfdPh. 47,S. 274; Burdach, ADB.24,173-76, u. Reinm. 2 114, W. v. Unwerth, DLz. 1913, 2210 f.;S. 421-24. — Verfasser des Laurin: Müllen- Werner Richter, Cbl. 1913, 889-91; W.Ni-hoff, Dt. Heldenbuch 1 S. XXXVIII f. LVI ckel, Arch. 134, 149 f.; Wieher, Journ. of-LVIII. 288 f.; Schneider, Wolfdietr. S. 191. Engl, and Germ. Phil. XII, 304-10.
2 Personen des Streitgedichtes: Simrock