Ulrich von Türheim 67
Die Fortsetzung von Wolframs Willehalm, 1 auch Ulrichs von Tür-heim „Rennewart" genannt, weil dieser stellenweise die Handlung führt,ist ein Alterswerk des Dichters. Hier klagt er über alter und armuot, und mankann merklich die Abnahme seiner Schaffenskraft beobachten. Sein Fleißjedenfalls ist staunenswert; er brachte diesen Spätling auf mehr als 36400Verse. Einem guoten wibe zu Dienste hat er das Werk unternommen (BusseS. 147); im Eingang und am Schluß (Kohl S. 145; Busse S. 26 f.) nennt erseinen Namen und seine Absicht, des weisen Wolfram Dichtung zu Ende zuführen. Innerhalb des Textes bezeichnet er als Förderer seiner Arbeit Ottoden Bogener (s. oben).
Die ungeheure Stoffmasse ist in drei Teile gegliedert: I. Rennewart und Mise: Rennewart,ein heidnischer Sieger, läßt sich taufen und erhält Mise, die Tochter des Königs Loys, zur Frau.Sie stirbt an der Geburt eines Sohnes, Malifer. II. Rennewarts Mönchsschaft: Malifer wird vonheidnischen Kaufleuten geraubt. Rennewart geht ins Kloster, zwischendurch kämpft er gegendie Heiden und trifft mit Malifer zusammen. Es folgen Malifers Kämpfe und verschiedene Minne-szenen. III. Willehalms Mönchsschaft: Willehalm und Kyburc ziehen sich ins Kloster zurück.Nach Kyburcs Tod lebt Willehalm als Einsiedler, kämpft wieder gegen die Heiden und stirbtim Kloster.
Durch die Mönchwerdung der beiden Helden stellt diese Fortsetzung vonWolframs Werk eine höhere Seinsstufe dar, Wolframs christlicher Ritter wirdzum weltentsagenden Mönch. Aber ganz ist der ritterliche Geist auch in demII. und III., mehr legendenhaften Teile nicht geschwunden, denn Renne-wart und Willehalm kämpfen auch als Klosterleute mit weltlichen Waffengegen den Unglauben.
Quelle 2 für das große Werk sind französische Chansons de geste aus demKreise von Guillaume d'Orange, und zwar für Teil I wie bei Wolfram diebataille d'Aliscans, für II Moniage Rainouart und bataille Loquifer, für IIIMoniage Guillaume; außerdem kannte Ulrich noch andere Chansons des Wil-helmskreises.
Ulrichs von Türheim Kunst 3 ist gering, und ihre Dürftigkeit tritt nochstärker hervor, da er sich an die Weiterführung zweier gerade durch ihre
1 Lit.: Piper, Wolfr. 1, 341^15; Panzer, Bi- d. Rud. v. Ems, Bilderhs. von Ende d. 14.Jh.s:bliographie zu Wolfram S. 33. — Herausge- K. W. Hiersemann, Leipz. [1927] S. 17 f.;geben ist das Gedicht noch nicht, veröffent- Wegener, Miniaturen-Hss. zu Berlin S. 5-7.—licht sind nur einzelne Auszüge aus Hss. (bes.: In einigen Hss. sind Türlins Vorgeschichte,Pfeiffer, Ad. Übungsb. 1866, 42-51, Piper Wolfram und Türheims Fortsetzung zu einemaaO.; s.Busse S. VIII). —Abhandl.: O.Kohl, ganzen Willehalms-Leben vereinigt, so auchZfdPh. 13, 129-63. 277-303. 480-88. — In- in der Prosaauflösung der Hs. der Kantons-halt: Kohl S. 129^5; Bechsteins Ausg. v. bibl. zu Zürich (s. ob. Ulr. v. d. Türl.). —Gottfr. v. Straßb. II, 302-10; Golther, Ausg. Stellen: Arendt, D. Riese S. 20; Schneider,v. Gotfr. II, 166-86. — Hss.: Eduard Loh- Wolfdietr. S. 274; Rosenfeld, Novellenstud.meyer, Die Hss. d. Willehalm v. U. v. T., S. 269.365.487; Singer, ZfVolkskde 1929, 70.1883, dazu Rödiger, DLz. 1883,336; Martin, 2 Kohl aaO. S. 146-63. 277-89; BusseAnz. 9, 225. Lohmeyer S. 9-23 zählt 29 (30) S. 115-68; Minckwitz, Rev. germ. 9, 1913,Hss. u. Bruchst. auf, Piper dazu 2 weitere; 36 ff.
ferner: Kohl S. 481-88; Birlinger, Alem. 17, 3 K. Stiebeling, Stilist. Untersuch, üb. Got-
177-84; Zacher, ZfdPh. 15, 286-89; Pirig, frid von Straßburg u. seine beiden Fortsetzer
ZfdA. 26, 165-76; Barack, ebda 38, 58-65; Ulr. v. Türheim u. Heinr. v. Freiberg, Leipz.
Scheel, Festg. Weinhold. S. 53-55; Petzet, Diss. 1905; Leitzmann, Beitr. 44, 119 f.;
Catalogus ... Bibl. Monac. S. 5; Weltchron. Busse S. 168-78. 91-105.