64 Die erzählende Dichtung
wip 194, 20. Die Hand Gottes führt sie durch die unermeßlichen Wogendes Meeres zum sichern Strand, wo neues Lebensglück ihr erblüht. Einehoffnungsvolle Lebensstimmung bricht durch die düster verhängten Wol-ken des Schicksals, und auch die Wirrungen der Schuldbeladenen lösen sichin wiederhergestelltem Seelenfrieden. Das Gedicht steht in Beziehung zuder kirchlichen Tendenz der Zeit: die Macht der Kirche und des Papsttumsist die letzte Instanz; oft sind es Geistliche, die durch ihren Rat die Span-nung lösen, und am Ende reinigt der Papst den sündhaften Kaiser undebnet dem neuen Kaiser, Meie, die Bahn durch den Ablaß.
Der Stil 1 ist einfach, doch sind manche Stellen durch Wortspiele oderAlliteration gehoben. Aber im Aufbau bleibt das künstlerische Maß nichtgewahrt; durch Schilderungen und Beschreibungen, durch die vielen sichimmer wiederholenden Klagen wird die Erzählung zu weit in die Längegezogen. Die Metrik ist ziemlich frei gehandhabt.
d) DIE FORTSETZERIWOLFRAMS UND:GOTFRIDS
Eine besondere Gruppe von Epen schließt sich unmittelbar an Wolframsund Gotfrids Werke an, entweder als ihre Ergänzung oder als Erweiterungvon bedeutsamen in ihnen enthaltenen Motiven. Damit kennzeichnen sichdie Verfasser als direkte Nachfolger und Nachahmer jener vorbildlichen Mei-ster in Stoff und Stil.
Ulrich von dem Türlin
Der Beginn des Willehalm, in dem Wolfram durch Hervorhebung der gegen-sätzlichen Stimmungen von Freude und Sorge die Teilnahme der Leser zuerregen sucht, erweckt die Wißbegierde: wie ist es denn nun bei der Erwer-bung der Arabel durch Willehalm eigentlich zugegangen ? Diese Vorgeschichtezu erzählen machte sich Ulrich von dem Türlin, 2 ein bürgerlicher Dichteraus Kärnten, vielleicht aus demselben Geschlechte wie Heinrich von demTürlin, zur Aufgabe. Seinen „Willehalm" in der uns erhaltenen Form wid-mete er dem König Ottokar v. Böhmen zwischen 1261 und 1269. Er gibtseinen Namen III, 26 und in einem Akrostichon an, VII. VIII, nennt sich
1 Stil u. Metrik: Wächter aaO.; v. Kraus, 1893, dazu Kraus, Anz. 22, 50-63, Rosen-Der rührende Reim, ZfdA. 56, 37 f.; Wahn- hagen, ZfdPh. 26, 417-21, Seemüller, GgA.schaffe, Enjambementpass.—Widersprüche: 1896 Nr 6, Khull, ZföG 45, 42, Lbl. 1894,Pfeiffer S. XVI ; Steinmeyer, Anz. 16, 295; 59 f. Früherer Abdr.: Casparson 1781 (Kasse-Jellinek u. Kraus, ZföG. 44,1893, 689 u. ö.; 1er Hs.), dazu Martin, Anz. 3, 108. — Hss.:Niejahr, Euphor. 5, 445; Wächter S. 60. — Lachmann, Wolfr. S. XLI f.; Suchier, ÜberDer Verf. der Novelle „Der Schüler von Paris" die Quelle Ulrichs v. d. Türl u. die älteste Ge-scheint unser Gedicht gekannt zu haben: H.- stalt der prise d'Orenge, 1873, 5-14; Singer,Fr. Rosenfeld, Mhd. Novellenstud. S. 201. Ausg. S. I-LXXXIX; s. auch Suchier, Z-365 f. fdPh. 24, 461-86; Scheel, Festgabe f. Wein-
2 Lit.: Piper, Wolfr. v. Eschenb. I, 318-20; hold 1896, 55-59; Singer, Prager dt. Stud. 8,Singer, ADB. 39, 21 f. — Ausg.: S. Singer, 1908,311; Wegener, Miniaturen-Hss. zu Ber-Bibliothek d. mhd. Lit. in Böhmen Bd. IV, lin V. Bd. S. 5. — Zahl der Hss. s. unt.