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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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56 Die erzählende Dichtung

Die legendarisch-romanhaften Partien werden abgelöst von belehrend-erbaulichen. Nicht nur durch seine Taten wirkt der heilige Ritter, sondernauch durch seine Worte. In Disputationen erweist er die Wahrheit Jesuim Gegensatz zum Trug des Apollo. Das Gedicht ist eine Apologie desChristentums; die christliche Lehre kommt auf diese Weise in ihren Haupt-zügen zur Darlegung. Betrachtet man den Inhalt von der romanhaften Seiteaus, dann wirkt der Heidenkönig, der an seinen alten Göttern festhält, alstragische Person: er verteidigt unter bitteren Enttäuschungen eine verlo-rene Sache. Ihn martert die Tragik des inneren Zwiespaltes, er sieht diehöhere Kraft des Christentums leibhaftig und verschließt sich doch dagegenmit dem billigen Selbstbetrug, daß das alles nur Zauberei sei. Den Markts,den er wegen seiner Rittertugenden hochschätzt, muß er entgegen seinerNeigung aus religiösen Gründen martern lassen, ebenso seine eigene, ge-liebte Frau. 1

Reinbot arbeitete nach einer fremden, wahrscheinlich französischen, Vor-lage, die aber von dem uns erhaltenen altfranzösischen Gedicht verschiedenwar. 2 Er scheint ziemlich selbständig verfahren zu sein und hat vieles ausEigenem hinzugetan, wobei ihm, durch die allgemeine Anregung und auchin einzelnen bestimmten Fällen, 3 Wolframs Willehalm starken Anhalt bot;nicht allerdings was die Auffassung des Helden anbetrifft, denn Willehalmund Georg sind ganz verschiedene Typen des christlichen Ritters. MitWolfram hat Reinbot auch die Freude am Wissen gemein, und gern machter von seiner Gelehrsamkeit Gebrauch; besonders auf dem Gebiete derTheologie sowie auf dem der Kosmographie, wozu ihm der Planetenglaubeder Heiden Gelegenheit gibt (4462 ff.).

Ein aus der Haltung der Legende herausfallender Einschub ist die Wun-derburg der Tugend 5751-5898, eine Allegorie, in deren Verlauf die ritter-lichen Haupttugenden aufgeführt werden, welche ein vornehmer Herr ha-ben soll, und zwar unter dem Bilde einer Burg, in der acht reich gezierteGemächer je einer Tugend angehören und die von der Sselde mit dem Pin-sel der Ere ausgemalt sind. 4

Von Wolframs dunkler Manier hält sich Reinbot frei; wo er durch denStil wirken will, tut er es durch das Pathos der Rhetorik, er wird dekla-matorisch, und dazu gab ihm der Stoff selbst durch die Notwendigkeit vonReligionsgesprächen und religiösen Reden Veranlassung. Mit Bildern undGleichnissen schmückt er den Ausdruck, überhaupt liebt er metaphorischeRedensarten. Als größte Meister in der Schilderungskunst stellt er Veldecke,

1 Verhältnis von Christen u. Heiden: Nau- the Mod. Lang. Ass. 18, 143 ff.; v. Kraus,mann, Festschr. Ehrismann, 1925, 94 ff. Ausg. S. LXXXIV, vgl. Anm. zu V. 114; mit

2 Franz. Quelle: Holtzmann, Germ. 1, 371 Vorbehalt: Rosenhagen aaO. S. 501 f.ff.; Bartsch, ebda 4, 501-7; Kirpicnikov, 3 v. Kraus, Ausg. S. LXXXIV.

s. Anz. 9, 257; Singer, Wolframs Stil S. 125; 4 Über solche allegorische Tugendschlössers. K. Weber, ZfromPhil. 5, 1883, 498-520 s. v. Kraus, Ausg. S. 289.(506). Lat.Quelle: Matzke, Publications of