Reinbot von Durne 55
nicht dem bedeutenden oberpfälzischen Adelsgeschlecht von Dürne an undwar überhaupt nicht von angesehener Geburt (er spielt auf seine Armutan V. 1928-33). Der Herzog Otto II. von Bayern (1231-53) und seine Ge-mahlin haben ihm aufgetragen, ein Buch in deutscher Sprache zu dichten(Prolog 1-70, Schlußwort 6129-34). Er war also Hofdichter. Abgefaßt wurdedas Werk in den Jahren 1231—1236. 1
Reinbots Epos (6134 Verse) hat in den Grundzügen den gleichen Inhalt 2wie das althochdeutsche Georgslied (LG. 1,217); sogar manche Einzelheitensind identisch, andere sind verschiedenartig variiert. Allerdings wird derStoff — entsprechend den verschiedenen Gattungen der beiden Werke,dem epischen Lied und dem eigentlichen Epos—dort in knapper Aufzählungder Einzelheiten objektiv berichtet, hier in ungehemmtem Fluß stark sub-jektivistisch ausgemalt. Zunächst geht eine nicht zur Legende gehörige Ge-schichte von den beiden ihm treu verbundenen Brüdern Georgs voraus, inwelcher der historische Hintergrund, der Kampf zwischen Christentum undHeidentum, beleuchtet wird (105-1476). Die Martern und Wundertaten(1477-6084) beginnen mit der größten Heldentat des Heiligen, die auchzugleich sein ganzes künftiges Schicksal bestimmt: er,der „Markis", stelltsich der Reichsversammlung der heidnischen Fürsten und bekennt sich zuJesus und Maria (1477-1754). Keine Marter kann den Glaubenshelden vonGott abbringen, aber auch kein Wunder kann die Heiden von der Nichts-würdigkeit ihres Götzen Apollo überzeugen; die Wunder des Heiligen sindfür sie nur die Künste eines Gauklers. Georg wird ins Gefängnis geschleppt(1755), aufs Rad geflochten (3627), in vier Stücke zersägt, in einen Pfuhlgeworfen (4710) und schließlich enthauptet (6109); nur mit wenigen Ver-sen wird endlich sein und des Heidenkönigs Dacian Tod berichtet (6110-24).Dazwischen spielt sich die Bekehrung der Gemahlin Dacians, Allexandrina,und ihr Martyrium (2820-2900. 4216^1704) ab.
Die altchristliche Legende 3 ist hier in das höfisch-ritterliche Kostüm desMittelalters gekleidet. Die geschilderten Martern und Wunder entsprechenden Heldentaten und Abenteuern der fahrenden Ritter, wenn auch beidesim Ethos durch die gradualistische Seinsstufe total verschieden bleibt:dort herrscht der Gesichtskreis des irdischen Diesseits, in der Legende istdie ganze Sehweite eingestellt auf Gott und die Ewigkeit; Georg bewährtsich als ein ritterlicher Held an Tapferkeit, doch durch sein Martyrium alsein Heros der Kirche.
1 Schreiber S. 53 Anm. 6; Wilhelm: a. S. LXXV-CIX, daselbst spätere deutsche Lie-1246. der von Georg u. dem Drachen (15. Jh.,
2 Vetter S. CXVI-CXXVIII; kurz: Ro- S. LXXIX ff. u. S. CLXVII-CXC; E. Bege-senhagen aaO. S. 501. mann, Zur Leg. vom h. Georg, dem D achen-
3 Legendes, die LG. 1,219 Anm.2 vermerkte töter, Festschrift d. k. Christianeums zu Al-Lit., bes. Vetter S. I-CIX; dazu Kraus, Anz. tona für die Hambg. Phil-.Vers. 1905, S. 97-25, 38 f.; Rosenhagen, ZfdPh. 45, 501. — 116; Michael Huber, Zur Georgsieg., Fest-Der Drachenkampf gehört nicht der ur- schrift z. XII. allg. dt. Neuphilologentage insprünglichen Legende an und findet sich München 1906, 175-235; Schneider, Wolf-darum auch nicht bei Reinbot, Vetter dietr. S. 303 ff.; Bolte-PolIvka 1, 547.