Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

Konrad von Würzburg 53

XIV. Der Turnei von Nantheiz (Das Turnier von Nantes) 1 ist früherfür ein Erstlingswerk Konrads gehalten worden, aber durch Beobachtungenstilistischer und metrischer Merkmale hat es sich im Gegenteil als eine seinerspätesten Dichtungen erwiesen, und seine Abfassung fällt vermutlich in dieZeit der Arbeit am Trojanerkrieg. 2 Der Dichter nennt hier weder seinenNamen noch einen Veranlasser des Werkes. 3

Inhalt (1156 V.) : Ein Turnier zu Ehren schöner Frauen war nach Nantheiz(Nantes) ausgeschrieben worden; der König Richard von England wollte daEhre erringen. Viertausend Ritter teilte man in zwei Parteien; die eine, diedeutsche Partei, führte Richard, die andere, die wälsche, der König vonKärlingen (Frankreich). Es folgt eine Aufzählung der fürstlichen Teilnehmer jedesmal sieben, wobei die Wappenkleider und Wappenschilde dieserHerren beschrieben werden. Dann wird das wonnigliche Turnier geschildert.Den Sieg erringt Richard; er steht im Mittelpunkt des ganzen Bildes undwird als Beispiel dafür aufgeführt, daß Freigebigkeit und Edelmut nichtaus der Art schlagen. Auch hier enthält also die Einleitung eine Lehre(67-81).

Konrad hat mit dem Turnei von Nantheiz die Wappendichtung 4 in diedeutsche Literatur eingeführt, welche dann in der Zeit der bürgerlichen Jahr-hunderte als Heroldsdichtung gepflegt wurde. Konrad besaß eine persön-liche Vorliebe für heraldische Beschreibungen und hatte solche schon imSchwanritter, im Engelhard, im Partonopier und im Trojanerkrieg an-gebracht, da er bei seinem Publikum, den städtischen Geschlechtern, die mitsolchen Festlichkeiten die Rittersitten nachahmten, Interesse dafür fand.

Man hat das Werk früher sehr gering eingeschätzt. 5 Aber vom Standpunktseiner Kunstanschauung und seiner stilistischen Technik aus betrachtet, reihtes sich organisch in Konrads dichterisches Schaffen ein: es entspricht seinerFreude am Schildern höfischer Formen, und der Dichter beweist hier seineGeschicklichkeit, die Einförmigkeit des Motivs in eine Reihe von Variationenaufzulösen. Auch beweist er sein realistisches Anschauungsvermögen, da er

1 Ausg.: Bartsch, Partonopier S. 313-32; K. v. W., aaO.; P. Ganz, Gesch. der herald.Schröder, Kleinere Dicht. II, 1925, 40-73; Kunst in der Schweiz im 12. u. 13. Jh., 1899,früherer Abdr.: Docen in Massmanns Denk- 162 ff., dazu Küch u. Schröder, Anz. 31,malern dt. Sprache u. Lit. H. 1, 1828, 136-48. 123-29. Petersen, Johannes Rothe S.95- Abhandl.: Kochendörffer, ZfdA.28,133- 112; Wiessner, Festschr. Jellinek S. 195 f.;136; Galle, ebda 53,209-59; Schröder, Stud. Bebermeyer, Merker-Stammlers Reallex. 1,V, 116-29. Zur Textkrit.: Schröder, Ausg. 492 f.; s. auch Alwin Schultz, Das höf. Le-S. IX f. Nur 1 Hs.: die Würzb. des Michael ben 11 2 , 106 ff. Der Begründer der Wappen-de Leone, Schröder, Ausg. S.VIII f. dichtung war der Züricher Domkantor Kon-

2 Laudan S. 5. 11 u. ö.; Galle S. 252 f.; rad v. Mure durch seinen Clipearius, vgl. Th.Schröder, Stud. V, 116 ff. u. ZfdA. 67, 222. v. Liebenau, Anz. f. d. Schweiz. Gesch.

3 Schröder hat Stud. V, 127 f. die anspre- 1880, 229-43; Seemüller, ZfdA. 34, 226-28;chende Vermutung aufgestellt, das Gedicht Schröder, Anz. 31, 127-29; Petersen S.98.sei in der Absicht verfaßt, auf Rudolf v.Habs- 5 Pfeiffer, Germ. 12,28geistlos"; Bartsch,bürg einzuwirken, da die im Turnier auf- Ausg. S. IX f.ein dichterischer Anfänger";tretenden deutschen Fürsten dessen Familien- Kochendörffer, aaO.sein schwächstes Pro-kreise entnommen sind. dukt", s. Laudan S. 4 ff.

4 Galle, Wappenwesen u. Heraldik bei