50 Die erzählende Dichtung
nähme des Zweikampfs einen Betrug verübt hat. Aber in den dichterischenBehandlungen der Sage wird diese moralische Begründung nicht ausge-sprochen, auch nicht bei Gotfrid; um so mehr wird unser sittliches Gefühlverletzt, es läßt sich eben die Empfindung nicht unterdrücken, daß Dietrichund Engelhard eine trügerische Handlung begehen und daß Engelhard ausFeigheit sein Leben in Sicherheit bringt. Auch hier ist die Grenze von Kon-rads Kunst zu erkennen: er bleibt am Stoffe haften, ohne in die sittliche Tiefezu dringen.
XII. Partonopier und Meliur 1 ist, wie der Engelhard, ein Ritterromanund übertrifft diesen mehr als dreifach an Umfang. Den Kern bildet eine mitdem klassischen Märchen von Amor und Psyche verwandte Feensage. Parto-nopier von Blois verirrt sich auf der Jagd, kommt ans Meer und wird voneinem Nachen in eine verlassene Burg geführt (791). Drin findet er ein herr-liches Mahl bereitet, wird von unsichtbaren Händen bedient und legt sichschließlich in ein schönes Bett (1190). In der Nacht erscheint die zauber-kundige Prinzessin Meliur bei ihm; sie ist es, die ihn in ihr Reich gelockt hat.Sie gibt sich ihm hin unter der Bedingung, daß er erst nach dritthalb Jahrensie mit Augen sehen dürfe (2965). Nach einem Jahr nimmt er Urlaub von derGeliebten, und das Zauberschiff führt ihn nach Blois zurück (7467). DieSeinen zu Hause reden ihm ein, sein Erlebnis sei ein Teufelszauber gewesen(7855). In das Feenschloß zurückgekehrt, beleuchtet der aus Neugierde undMißtrauen die neben ihm schlummernde Geliebte mit der Kerze. Damit istsein Glück verscherzt, und er muß sich von ihr trennen. Erst nach langenAbenteuern erkämpft er sich später Meliur durch einen Sieg im Turnierwieder zurück.
Das märchenhafte Element 2 kommt in dem Verlockungszauber zurGeltung, der Bau ist dreistufig: der Held wird durch ein dämonisches Wesenin die andere Welt gezogen, kehrt auf die Oberwelt zurück und schließlichwieder ins Feenreich. Das charakteristische Merkmal besteht in dem Verbot,die Geliebte zu sehen, die Übertretung desselben ergibt ein Motiv vom Typusder gestörten Mahrtenehe.
Die Grundlage für alle andern Bearbeitungen des Stoffes 3 ist der fran-zösische Roman Partonopeus de Blois von Denis Pyramus, um 1150. Von ihm
1 Ausg.: Bartsch, K.s v. W. Part. u. Meliur, u. ö.; ErnstTegethoff, Stud. zum Märchen-Turnei v. Nantheiz — S. Nicolaus •— Lieder u. typus von Amor u. Psyche, 1922, dazu Ranke,Sprüche. Aus dem Nachlasse von Franz Anz. 42, 67 f.; LG. II, 2, 135.
Pfeiffer u. Franz Roth hgb., 1871. — 3 Massmann, Partonopeus u. Melior, afrz.
Stellen: Joseph, Klage der Kunst S. 91; Ged. des 13. Jh.s in mnld. u. mhd. Bruchstük-
Sprenger, ZfdA. 36, 158-60. 1 Hs. u. 2 ken, 1847; Bruchst. eines mfrk.Partonopeus:
Brachst: Pfeiffer, Germ. 12, 5 ff.; Bartsch, Karl Schröder, Germ. 17, 191-93; E. Ca-
Ausg. S.V. VIII f. flisch-Einicher, Bruchstücke aus W. v. W.
2 Fel. Liebrecht, Kuhns Z. f. vergl. Sprach- Part. u. Mel (Hs. Zürich), Beitr. 57, 284-98. —forsch. 18, 1870, 56ff.; Bolte-Poli'vka 2, Kölbing, Über die verschiedenen Gestaltun-229 ff. 234. 267. 269; Karl Warnke, Die gen der Partonopeus-Sage, Bartschs Germ.Lais der Marie de France, 1885, S. LIX; Stud. 2, 1875, 55-114. 312-16; A. Trampe-Karl Pschmadt, Die Sage von der verfolgten Bödtker, Partenopeus de Blois, etude com-Hinde, Greifsw. Diss. 1911 S. 88 ff. 95. 121 ff. paree. . Christiania Videnskabs-Selsk.skrifter