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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Konrad von Würzburg 49

Kein anderes Werk Konrads steht im Inhalt Gotfrids Tristan so nahe das Motiv des trügerischen, aber durch die Minne gerechtfertigten Spielesist beide Male das gleiche und das Beispiel Gotfrids hat hier dem Dichterentschieden vorgeschwebt. Doch gerade in dem durch diesen naheliegendenVergleich zeigt sich auch der Abstand der beiden Dichtungen voneinander:die Minnegeschichte ist bei Konrad nur noch ein Nebenmotiv, ein Mittel, umdie Gelegenheit zur Darstellung des Hauptthemas der Freundestreue herbei-zuführen.

Die Freundschaftssage, 1 in deren Kreis Konrads Engelhard gehört, istweitverbreitet und schon seit dem 9. Jahrhundert nachgewiesen. Die ältesteForm liegt in einer lateinischen Prosa vor, in der die beiden Freunde Amicusund Amelius heißen, und wird daselbst an die Gestalt Karls des Großen an-gegliedert. Auf dieser Sage von Amicus und Amelius lagern eine große Zahlvon Bearbeitungen in der mittellateinischen, französischen, englischen, nordi-schen und deutschen Literatur; auch in orientalischen Varianten findet siesich. Meist besteht die eine der Freundschaftsproben in der Heilung des Aus-satzes durch das Opfer der Kinder des Freundes; hier berührt sich die Freund-schaftssage mit der Aussatzsage. So erkennen wir zwei Sagenkreise, welcheauf dreierlei Art verwendet werden: A. Freundschafts- und Aussatzsage ver-einigt (Typus Amicus und Amelius); B. Freundschaftssage ohne Verwicklungdurch das Aussatzmotiv, an dessen Stelle eine andere Treuprüfung tritt(Lantfrid und Cobbo, Athis und Prophilias); endlich C. auch die Aussatz-sage erscheint für sich allein ohne Verbindung mit der Freundschaftssage(Armer Heinrich, Silvester). Die Fassungen der Freundschaftssage, soweitsie die deutsche Literatur betreffen, sind: Lantfrid und Cobbo (LG. I, 358f.),Athis und Prophilias (LG. II, 112 ff.), Konrads Engelhard, die Jakobsbrüdervon Kunz Kistener (um 1350), 2 die Bearbeitung des Andreas Kurzmann (um1430); eine Episode im Karlmeinet, eine Erzählung im Diocletianus des Hansv.Bühel (1412), desgleichen eine in Der Seelen Trost (15. Jahrhundert),schließlich das Volksbuch von Olivier und Artus, woraus Hans Sachs eineComedi herrichtete (1556).

Der Aussatz gilt schon in der Bibel als Strafgericht Gottes. 3 Diese morali-sche Wertung besteht auch in den meisten Aussatzsagen des Mittelaltersweiter fort: Konstantin wird bestraft wegen seiner Verfolgung des Christen-tums, der Ritter Heinrich von Ouwe wegen seines ungeordneten Selbst-gefühls, Amicus (Dietrich) im Amicus-Amelius-Typus, weil er durch Über-

1 Lit. zur Freundschaftssage: Piper, Spiel- told, Anm. S. 37; Gereke, Ausg. S.V-IX;

mannsdicht. 2, 102 f., Höf. Ep. 3, 243-51. A. H. Krappe, The legends of Amicus and

W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 253-64. 264-74 Amelius and of King Hörn, Leuvensche Bijdr.

(s. LG. I, 358. II, 2, 113); Haupt, Ausg. XVI, 1924, 14-17. Speziell zur Aussatzsage:

S.VIII-XIV; Wackernagel, ZfdA. 12, 185- Wackernagel-Stadler, A. Heinr. S. 189-

203; MSD. II 3 , 121 ff.; Schönbach, Über An- 232.

dreas Kurzmann, Wiener SB. 88, 1878, S.807f. 2 Diese und die übrigen aufgeführten deut-

849-64. 872-74; R. v. Muth, Wiener SB. 91, sehen Werke sind im folgenden jeweils einzeln

1878, 223 ff.; Paul Schwieger, Die Sage von behandelt.

Amis u. Amiles, Progr. Berlin 1885; Baech- 3 Wackernagel-Stadler S. 227 f.

4 Deutsche Literaturgeschichte IV