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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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42 Die erzählende Dichtung

Dichter wie Wirnt als das Beispiel eines abwegigen Weltkindes hingestelltwerden: man suchte aus vereinzelten Stellen seines Gedichtes die dazu passen-den Stellen heraus.

Diese Vorstellung von der Gestalt der Welt, nämlich daß sie von vornzwar schön anzusehen, hinten aber häßlich sei, hat ihren Ursprung im prä-animistischen Dämonenglauben; der von Würmern zerrissene Rücken ist dasKennzeichen deslebenden Leichnams"; 1 der nordische Volksglaube kenntähnlich gestaltete dämonische Weiber. 2 Plastisch in dieser Weise gebildet er-scheint die Welt an den Münsterportalen von Worms und Basel. 3

Die religiöse Tendenz des Gedichtes verhalf ihm zu einem langen Nach-wirken in der Literatur. 4

V. Otte mit dem Barte (Heinrich von Kempten) ist eine historischeNovelle 5 (770$. Der Kaiser Otto hatte die Gewohnheit, seine Behauptungendurch einen Schwur bei seinem wohlgepflegten roten Barte zu bekräftigen.Nun weilte an seinem Hofe, zusammen mit dem jungen Sohn des Herzogsvon Schwaben und als dessen Erzieher, ein Ritter Heinrich, Dienstmann desStiftes Kempten. Einmal nahm der schwäbische Junker von der eben ge-deckten kaiserlichen Hoftafel ein feines Brot, wofür ihn der diensttuendeTruchseß blutig schlug. Der Ritter Heinrich, empört über die Beschimpfungseines fürstlichen Zöglings, spaltet im Verlaufe des sich erhebenden Streitesdem Truchsessen das Haupt. Der Kaiser, zur Tafel gekommen, schwört beiseinem Bart, daß der Ritter von Kempten dafür büßen müsse. Dieser, er-kennend, daß er das Leben ohnehin verwirkt habe, ergreift den Kaiser beiseinem langen Barte, wirft ihn nieder und droht, ihm die Kehle abzuschneiden.Der Kaiser kann sich nur durch das Versprechen lösen, ihn ungestraft vondannen ziehen zu lassen. Zehn Jahre später (V. 394 beginnt der zweite Teil)unternahm der Kaiser einen Italienzug. In dem Heere befand sich auch derRitter Heinrich. Eines Tages, als er gerade in der Badewanne saß, beobachtetedieser, wie der Kaiser von den Bürgern der benachbarten Stadt überfallenwurde. Nackt, wie er war, sprang er auf die Feinde zu und befreite den Be-drängten, welcher ihm darauf den Versöhnungskuß bot und ihn reichlichbelohnte.

1 Naumann, Primitive Gemeinschaftskultur der hat ihm die Bezeichnung HeinrichS. 46 f.; Güntert, Kundry S. 30 ff. v. Kempten nach dem Helden gegeben, wie

2 Grimm, Mythol. 4 S.371 Anm. 3. 789. 903; schon vorher v. d. Hagen. Lit.: Piper S. 183-Wackernagel, ZfdA. 6, 151-55. 185.Ausg.: K.A.Hahn 1838; v. d. Hagen,

3 Wackernagel aaO. GSA. I S. XC-XCV. 61-83; Lambel, Er-

4 Der Guotaere hat darauf eine Spruchreihe Zählungen u. Schwanke Nr.VI; Schröder,gebaut, MSH. III S.41 f.; Prosa in einer Kl. Dicht. I, dazu Anz. 43, 98. Übers.:Züricher Hs. von 1393: Wackernagel aaO. Reclam; Mor. Heyne, Fünf dt. mittelalterl.u. Lesebuch 6 S. 1307-10; Frauenlob Streit- Erzählungen in neuen Versen, 1902. Abh.:gespräch zwischen Minneu. Welt: Ettmüller, K. Kampf, Vorgesch. von C.s v. W. Erzähl.Ausg. S. 235-42, bes. Str. 440; s. Sachse Otto m. d. B., Köln. Diss. 1922 (Maschinen-S. 17. druck). 6 Hss.: Schröder S. XIX;

5 In 5 der 6 Hss. ist das Gedicht in den von Priebsch, Beitr. 46, 1 ff. Stelle: Hertz-den Schreibern herrührenden Überschriften berg u. Zacher, ZfdPh. 10, 383-89.

Von Keiser otten (Keyer otte) betitelt, Schrö-