Konrad von Würzburg 37
Was Zahl der Erzeugnisse und die Mannigfaltigkeit der Stoffe anbetrifft,überragt Konrad v. Würzburg jeden andern mhd. Dichter. Am besten sindihm die kleineren Erzählungen gelungen, seine Novellen; seine größerenEpen dagegen hat er nicht durch inneren Gehalt, sondern nur durch Deh-nungen und Weitschweifigkeit auf ihren Umfang gebracht.
In den Wirren des Interregnums, wo das Faustrecht herrschte, sank derRitterstand, und dieser Verfall verleiht auch der Kunst Konrads eineAltersstimmung; Erbitterung über die gesunkene Gegenwart ist das Le-bensgefühl, unter dem seine Dichtung steht. Das Ziel seines Schaffens be-steht darin, in seinen Werken die gute alte Zeit wieder aufleben zu lassen,die Inhalte des ritterlichen Lebens, Heldentum und Minne, schweben ihm alsIdeal vor. Die Stadtkultur, in deren Umkreis er lebt, hat keinen eigenenTypus für ihren Inhalt geschaffen, und es konnte also auch kein eigener Aus-druck für diesen gefunden werden. So beruht Konrads Höchstleistung in deräußeren Form, die er der alten Vorstellungswelt gab. Er sucht durch äußereMittel zu glänzen, und es standen ihm dabei eine seltene Sprachgewandtheitund ein brillantes Erzählertalent zu Gebot. Aber sein Streben ging dochnicht in bloß äußerem Scheine auf, denn er verband mit seiner Dichterschafteinen lehrhaften Zweck: in den Vorworten fast aller seiner Werke drängt er dar-auf, daß sie Beispiele (bilde, bischaft) geben, daß sie nützen und bessern sollen.
Wie Rudolf v. Ems hat er sich einen bestimmten Begriff vom Wesen derKunst gebildet und eine Theorie darüber aufgestellt 1 (Spruch 32, 301 ff.,Schröder S.66; Klage der Kunst; Partonopier 1-167; Troj. 1-211, s. auch6459-67), ja keiner vor ihm hat eine so hohe Anschauung von der Aufgabeder Kunst gehabt. 2 Man kann die Dichtkunst nicht lernen, sie muß aus demHerzen kommen durch die Gnade Gottes; Gott verleiht den Sinn und dieFähigkeit des Ausdrucks (sin und munt, zunge und sin, Troj. 99. 135). Dreier-lei Nutzen hat die Kunst (Part. 8 ff.): sie erfreut das Ohr, 2 sie lehrt höfischesBenehmen (hovezuhf) und die Gewandtheit, sich sprachlich auszudrücken(da.3 diu zunge wirtgesprceche; ferner bringt sie kurzewile (Vergnügen) und ver-treibt Trauer und Sorge (Part. 53 ff.). Konrad, der von den Aufträgen seinerGönner lebt, hat dabei doch ein hohes Künstlerbewußtsein: er singt wie dieNachtigall, unbekümmert, ob ihn jemand hört, sich selbst zuliebe, um langeStunden zu kürzen, um höfischen Leuten Trauer zu benehmen (Part. 122-34.153-57; Troj. 182-211). 3
s. oben; Deter s. unten „Stil". — Zeitl. Ver- S. 15 ff.
hältnis für die Lyrik: Wode, Marb. Diss. 1902, 2 Er faßt Dichtkunst und Gesang zusammen:
s. unten bei Lyrik K.s; für die Legenden s. red und gedcene singen, Spruch 32, 305; Part.
Janson, s. unten bei Legenden. rede und gedcene 42, rede und sanc 5. 8. 18. 73.
1 Kunstanschauung Konrads: Burdach, 89. \59,dcene und wort 111, singen oder (unde)
Reinm. S. 31. 137; Roethe, Reinm. S. 187; sagen 27. 67. 163. sprechen und singen 38. 91.
Ders., Teubners „Altertum u. Gegenwart" 145; ähnl. Troj. 1. 7. 53. 58. 81. 132. 145. 173.
1919 S. 158; Vietor, Beitr. 46, 87 ff. 97 ff. 177. 188. — Schwietering, Singen u. Sagen
114-17. 119 f.; Brinkmann, GRM. 15, 1927, 1908, 17 f. 23 f.
191 ff.; Ders., Wesen u. Form, Reg. S. 192; 3 Zu dieser hohen Auffassung von der Kunst
Butzmann, Stud. zum Sprachstil 1930, aaO. hat Rud. v. Ems, der die Kunst als erlernbar